Morgenandacht, 05.12.2019

von Martin Korden, Köln

Mit Gott rechnen

Während in den Straßen schon alles schön geschmückt ist für Weihnachten, für das Fest an dem ja das Kommen Gottes in die Welt gefeiert wird, glauben tatsächlich immer weniger Menschen in Deutschland überhaupt noch an Gott. Es sind zwar immerhin noch etwas mehr als die Hälfte, wenn man aktuellen Umfragen folgt. Aber auffällig ist, dass selbst unter den Christen die Zahl derer deutlich zurückgeht, die zum Beispiel an ein Leben nach dem Tod glauben oder an die Auferstehung Jesu. Der bekannte Theologe Karl Rahner scheint Recht behalten zu haben mit seiner Prognose vor vielen Jahrzehnten, als er sagte: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht sein.“ Anders ausgedrückt: Wer in Zukunft überhaupt noch Christ ist – der muss eine Erfahrung gemacht haben, die ihn am Glauben festhalten lässt. Andernfalls kehrt er seinem Bekenntnis den Rücken. 

Naja, wenn das so ist, wird jetzt mancher sagen, dann soll er mal kommen, der liebe Gott, und mir eine Erfahrung schicken, ein deutliches Zeichen, damit ich ihm glauben kann. Ähnlich argumentieren ja auch die Zweifler, von denen in der Bibel erzählt wird, die Jesus gegenübertreten und sagen: „Du musst uns schon einen Beweis geben, damit wir dir glauben.“

Würde uns der Glaube wirklich einfacher fallen, wenn Gott uns ein eindeutiges Zeichen geben würde, wenn wir z.B. etwas erleben, was nach unserem Maßstab so etwas wie ein Wunder wäre? Und wenn ja, wie lange würde dieser so gewonnene Glaube anhalten bevor der Zweifel wieder siegt?

Vielleicht ist es ja umgekehrt:

Je mehr wir glauben und vertrauen, desto Wunderbareres nehmen wir wahr und desto mehr Zeichen entdecken wir. Ich behaupte: Wer mit Gott in seinem Leben rechnet, der nimmt die Wirklichkeit um sich herum anders wahr. Der wird sensibel für Ereignisse um sich herum, er traut möglicherweise einer inneren Eingebung mehr, einem nachklingenden Traum oder einer verlockenden Idee. Er erkennt Zusammenhänge und deutet das Erlebte als mögliche Fügungen eines mitgehenden Gottes. Denn Glauben heißt, zu deuten wagen.

Karl Rahner war Jesuit. Der Grundsatz seines Ordens lautet: „Gott in allen Dingen finden". Für Rahner bedeutete es also genau das: die Erfahrungen des Alltags auf Gott hin zu öffnen. Also in allem, was uns im Alltag begegnet, Gottes geheimnisvolle Gegenwart wahrzunehmen. Aber das ist nicht etwa großartig und überwältigend. Wenn Menschen mit dieser Deutung leben, berichten sie eher von den kleinen Erfahrungen, die ihnen eher zufällig zugefallen sind. Gott wählt den Weg der leisen Wunder, heißt es dann. Wunder, die Raum zur Freiheit und zur Entscheidung lassen, die Glauben eben nicht erzwingen.

Aber wer mit dieser Deutung durchs Leben geht, wer also mit Gott rechnet, der soll auch etwas erwarten. Denn je weniger ich erwarte, umso weniger wird möglich. Dann fehlt es mir an der nötigen Offenheit, mit Überraschungen zu rechnen. Am Ende bin ich es dann selbst, der die Erfahrung verhindert, weil ich sie gar nicht mehr erwarte.

Die Botschaft von Weihnachten lautet: Gott kommt leise, und anders als erwartet, aber er kommt.

Wie soll das aber gehen, mit Gott rechnen?


Ein erster Schritt könnte ein bewusster Tagesrückblick am Abend sein. Die Jesuiten nennen es das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, weil es darum geht, offen zu werden für Gottes Wirken. Z.B. weil ich beim Tagesrückblick an einem besonderen Ereignis des Tages, hängen bleibe. Einer Begegnung, einer Entdeckung. Etwas, das so bedeutend war, dass es mir erst jetzt bewusst aufgeht. Wer auf diese Weise denkt, beginnt zu danken. Wer weiterdenkt, dankt immer öfter und findet stets neue Gründe, weil letztlich gar nichts selbstverständlich ist.

Die Adventszeit ist die ideale Zeit damit anzufangen, und mit Gott zu rechnen.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 05.12.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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