Morgenandacht, 04.12.2019

von Martin Korden, Köln

Paradoxes Weihnachten

Wer schon einmal in Betlehem war, kennt diese eigenartige Pforte, durch die man gehen muss, wenn man in die Geburtskirche kommen will. Der Ort, an dem der Überlieferung nach Jesus Christus geboren wurde. Dieser Eingang ist nämlich so tief, dass man sich klein machen muss, um in die Kirche zu kommen. 

Wir kennen normalerweise große Portale durch die wir in eine Kirche gehen, und dahinter eröffnet sich ein noch größerer Raum, der Blick geht unweigerlich nach oben – und das ist ja auch gewollt. Mit der Pracht und Größe vieler Kirchenräume soll auf die Größe Gottes hingewiesen werden, die Staunen auslöst.

Dass man ausgerechnet in der Kirche in Betlehem einen so kleinen Einlass gewählt hat, ist auch gewollt. Denn: Es macht die Botschaft von Weihnachten deutlich.

Gott wird als Mensch geboren. Er tritt als kleines Kind in diese Welt. Der große Gott macht sich selbst klein, um seine Sympathie mit dem Menschen auszudrücken. Sympathie, das bedeutet übersetzt – Mitleid, Solidarität. Gott ist nicht mehr der Große und Ferne. Er wird klein, er gibt sich in die Hände der Menschen durch seine Geburt am untersten Platz – in einer Futterkrippe. So berichtet es das Lukasevangelium der Bibel an Weihnachten.

Ja, Sie kennen diese Geschichte und viele werden jetzt sagen: Das ist doch zu schön um wahr zu sein, diese weihnachtliche Romantik vom Gottessohn, der als kleines, armes Kind die Herzen der Menschen erobern soll. Ist das nicht allzu sehr konstruiert?

Die Erfahrung, dass Gott sich arm und bedürftig zeigt, hat alle religiösen und philosophischen Überlegungen über Gott auf den Kopf gestellt. Wenn es einen Gott gibt, der als Grund unseres Daseins gilt, als derjenige, der alles Sein und Leben angestoßen hat, sozusagen der Schöpfer aller Dinge ist – dann muss er doch groß, allmächtig und bestaunenswert sein. Dann muss er sich nicht klein machen und erst recht übergibt er sich nicht ganz menschlichen Händen, schwach und gleichzeitig voller Vertrauen, wie es eben ein Kind ist. Was für ein neues Gottesbild steckt hinter der Botschaft von Weihnachten! Und wenn man es näher bedenkt, ist es gar keine konstruierte Botschaft, denn dann findet man darin eine tiefe Wahrheit des menschlichen Miteinanders – und einen Schlüssel dazu, wie Leben zu verstehen ist. Hat Gott uns in der Geburt seines Sohnes also etwas Entscheidendes zeigen wollen?

Nämlich, dass der Sinn des Lebens eben nicht in der Fähigkeit besteht, den ersten Platz einzunehmen, sich über andere zu stellen, sondern in der Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Hinabzusteigen um eines anderen willen. Es ist der Weg des Sich-Gebens, des Sich-Verschenkens. Das ist der Weg der Liebe.

Und dass das nicht nur ein frommer Wunsch ist, sondern vielmehr eine tiefe Erfahrung und vielleicht tatsächlich der Schlüssel für ein erfülltes Leben, das findet sich für mich sehr treffend ausgedrückt in einem bekannten Gebet, das dem Heiligen Franz von Assisi zugeschrieben wird: „Herr mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens“ – da heißt es am Ende:

„Lass mich danach streben, nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; 
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. 
Denn: Wer sich hingibt, der empfängt; wer sich schenkt, wird beschenkt.“

In dieser Erkenntnis steckt eine tiefe Lebensweisheit und die Botschaft von Weihnachten in Kurzform: Im Kleinen offenbart sich Großes, im Mich-Geben finde ich den Sinn meines Lebens. Das bringt die Logik des christlichen Glaubens auf den Punkt. Und in der Fortführung dieser Umkehrung aller naheliegenden menschlichen Logik heißt es am Ende des Gebetes:

„Wer sich selbst vergisst, der findet – und wer stirbt, der erwacht zum Leben.“

Vielleicht steckt hinter Weihnachten doch mehr, als nur eine romantische Legende?

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 04.12.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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