Morgenandacht, 03.12.2019

von Martin Korden, Köln

„Das ist das Leben“

„Ich wollte den Menschen mit einer geistigen Behinderung helfen, und dabei entdeckte ich, wie sie mir halfen.“

Dieser Satz stammt von Jean Vanier. Der kanadische Theologe ist in diesem Jahr im Alter von 90 Jahren gestorben. Er ist bekannt geworden, weil er in den 1960er Jahren die sogenannte Arche gegründet hat. Eine Wohngemeinschaft, in der Menschen mit und ohne geistige Behinderungen zusammen leben. Aus einem zunächst belächelten Experiment wurde ein internationales Netzwerk. Weltweit gibt es von solchen Wohn- und Lebensgemeinschaften heute mehr als 150. Ausschlaggebend war für Jean Vanier damals die eigene Begegnung mit Menschen, die eine geistige Behinderung hatten und die untergebracht waren in einem Heim für „Schwachsinnige und Verrückte“, wie es damals hieß. Für Vanier war das dort kein Leben, die Menschen vegetierten mehr vor sich hin. Gleichzeitig entdeckte er bei den Menschen mit geistiger Behinderung den Schrei, wie er es nannte, nach echter, wahrhaftiger Beziehung, und deren große Freude an Gemeinschaft.

Jean Vanier lebte aus der Überzeugung, dass grundsätzlich jeder Mensch wertvoll ist und den anderen Menschen bereichern kann. Er erlebte diese Bereicherung in der Beziehung mit den Menschen mit geistigen Behinderungen. Sie halfen ihm einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen, er sei aufmerksamer geworden, beziehungsfähiger, die Begegnungen hätten ihm sogar dabei geholfen, er selbst zu werden.

Wenn ich das höre, denke ich an Begegnungen mit Menschen, die das Down-Syndrom haben. Sobald eine anfängliche Scheu abgebaut ist, freuen diese sich unbändig, dass ich da bin, sie nehmen Kontakt mit mir auf, ohne dabei Bedingungen zu stellen, sie kennen keine Fremdheit, nur Empathie. Sie suchen den Körperkontakt, ja, sie wollen dich lieben und behalten dabei die Ursprünglichkeit eines Kindes.

Ich möchte das Leben mit Menschen, die eine geistige Behinderung haben, hier nicht verklären. Ich selbst habe einige Zeit als Begleiter in einer Arche-Wohngemeinschaft gelebt – und dabei natürlich auch die großen Belastungen miterlebt. Wenn ich mich heute daran erinnere, muss ich oft an einen Satz denken, den mir der Hausleiter damals in einem Gespräch sagte. Ich hatte ihm meine ganze Klage ausgeschüttet: Die Pflege der Bewohner fiel mir zu diesem Zeitpunkt schwer, ein unerwarteter Zwischenfall hatte mal wieder einen Strich durch die Feierabendplanung gemacht, zu alledem ging in der angespannten Situation ein hartnäckiger Virus durchs Haus, der nach und nach alle erwischte. Es war zum Verzweifeln und eigentlich wollte ich das Handtuch werfen. Ich hatte das Gefühl, dass ich so viele schöne Dinge im Leben gerade verpassen würde. Das alles sagte ich meinem Hausleiter. Er hörte sich alles geduldig an und sagte dann: „Das ist das Leben.“

Wie oft habe ich seitdem an diesen Satz denken müssen. „Das ist das Leben.“ Es ist so und nicht anders. Und wollte man versuchen, alles nach den eigenen Wünschen zu gestalten oder glatt zu bügeln, es wäre nicht mehr das Leben, es wäre nicht echt und vor allem ginge dabei immer auch etwas Entscheidendes verloren.

Heute ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung, der das Bewusstsein schärfen will in unserer Gesellschaft, für Menschen, die eine solche Behinderung haben.

Der niederländische Schriftsteller Henri Nouwen, der ebenfalls in einer Arche lebte, hat einmal gesagt: „Die Begegnung mit den Menschen mit Behinderung habe ihn folgendes gelehrt: Sein ist wichtiger als Tun.“

Das ist das Leben.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 03.12.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur und Deutsche Welle. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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