Morgenandacht, 02.12.2019

von Martin Korden, Köln

Advent

Gestern war der Erste Adventssonntag. Nun ist sie also da – die Advents- und Weihnachtszeit, mit ihrer besonderen Atmosphäre, den vielen Lichtern und geschmückten Häusern. Diese Wochen werden ja oft als die schönste Zeit des Jahres betitelt. Tja, ob das mal stimmt. Ist es nicht vielmehr eine sehr hektische Zeit, geprägt von Enge in den Städten, Zeitdruck im Hinblick auf die Geschenkejagd, großer Geschäftigkeit, um vor dem Fest tatsächlich noch alles erledigt zu haben, damit Weihnachten dann auch wirklich perfekt werden kann. Und gerade dann funktioniert es eben oft nicht mit der geplanten Ruhe und Harmonie und nicht wenige ersehnen die Zeit nach dem Fest – oder wie Karl Valentin es auf den Punkt brachte: „Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger.“

Ich muss gestehen, dass mich als gläubiger Christ dieser Satz traurig macht: „Wenn die stille Zeit erstmal vorbei ist, wird es auch wieder ruhiger.“ Denn ich erlebe die Adventszeit als eine Einladung. Advent bedeutet Ankunft. Gemeint ist zum einen die Ankunft Gottes im Leben der Menschen. An Weihnachten feiern Christen die Geburt von Jesus Christus. Der Advent ist dann aber nicht nur die Vorbereitung auf das Gedenken an dieses Ereignis vor 2000 Jahren. Der Advent ist auch eine Zeit der Sehnsucht. Eine Einladung dazu, sich diese Zeit zu nehmen, um der eigenen Sehnsucht wieder Raum zu geben, und ihr nachzuspüren. Und diese Sehnsucht hat ja jeder Mensch, weil er die Frage kennt: „Da muss doch noch mehr sein. Da muss mehr sein als das, mit dem ich mich zufriedengegeben habe.“

Um der Sehnsucht in mir nachzugehen, braucht es die stille Zeit. Wenn ich einfach da sitze, das Licht ausmache und vielleicht nur eine Kerze anzünde und still werde – dann merke ich zuerst die Unruhe in mir und die vielen Stimmen, die umherreden, wie sie dann aber nach und nach verschwinden und ich leer werde für eine Stimme, die bleibt. Eine Stimme, die nicht mehr das Echo der eigenen ist. Christen glauben, dass sich in dieser Stimme die verborgene Sehnsucht zeigt, dass sich in dieser Stimme damit Gott zeigt, der bei mir ankommen will.

Aber oft ist da auch die Furcht vor der Stille, die nicht mit irgendetwas gefüllt ist. Denn ich ahne, dann kommt da etwas wieder an die Oberfläche, was lange verborgen war oder zugedeckt. Und ich würde womöglich spüren, dass mein Leben so wie ich es gerade lebe ja eigentlich gar nicht mehr authentisch ist, dass ich etwas verändern müsste – aber wie unangenehm kann diese Erkenntnis sein, denn sie will herausführen aus dem Gewohnten. Aber das ist der Advent – er führt heraus, er will mehr.

Und noch etwas gehört dann zwingend zur Adventszeit. Das Warten Können. In einer Zeit, die auf schnelle Erfolge eingestellt ist oder auf rasant hochfahrende Computer und ein schnelles Suchergebnis nach nur einem Klick, da fällt ein Abwarten können auf etwas, das sich in der Stille zeigt, sehr schwer. Es braucht also den langen Atem, Besinnung lässt sich nicht künstlich einstellen. Und vor allem: Wir müssen dafür nichts tun, außer eben die Stille zu suchen, denn das ist die Botschaft der Weihnachtszeit:

Es kommt jemand bei uns an. Aber auf leisen Spuren…

Der Liedermacher Jürgen Werth hat das Eintreten Gottes in das Leben eines Menschen einmal so beschrieben: "Manchmal musst du lauschen. Sonst hörst du nichts. Die grellen Bilder, die schrillen Töne liegen mir nicht. Ich komme leise. Liebe kommt immer leise. Schließ alle Sinne auf! Schließ dein Herz auf! Dann bin Ich da. Und bleibe."

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 02.12.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur und Deutsche Welle. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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