Wort zum Tage, 30.11.2019

von Joachim Ophale, Berlin

Ein Schiff als Hoffnungsträger

Es muss ein düsterer Dezemberabend gewesen sein. So um die Mitte des 14. Jahrhunderts, am Rheinufer in Straßburg.

Johannes Tauler, ein frommer Dominikanermönch beobachtet, wie ein großer hölzernen Kahn langsam flussaufwärts segelt und sich dem Ufer nährt. Eine Menschenmenge wartet bereits am Hafen, begierig darauf, das Schiff zu entladen. Vielleicht bringt es Weizen oder Früchte und Gewürze aus fremden Ländern. Jedenfalls geht ein Raunen durch die Menge, als die Umrisse der Barke sich am Horizont abzeichnen. Das Schiff ist da – gleich legt es an.

Für den Mönch wird dieses Bild zu einem Schlüsselerlebnis. Ein Schiff als Hoffnungsträger. Voll beladen bis an die Rehling, still gleitend, geheimnisvoll und unaufhaltsam näherkommend. Genau so stellt er sich das Warten auf die Geburt Christi vor. Maria, hochschwanger mit dem Gotteskind, gleicht jenem beladenen Schiff vor der Ankunft im Hafen. Freudig begrüßt von den Umstehenden.

So entsteht die Idee für das bekannte Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen“. Das Bild vom nähergleitenden Schiff wirkt ernst, manche sagen sogar traurig, doch zugleich klingt eine Hoffnungsbotschaft an.

Morgen beginnt der Advent, die vierwöchige Zeit vor Weihnachten. Für Christen ist es eine eher Zeit, in der in den Kirchen viel von Erwartung die Rede ist. In den Gottesdiensten werden Lieder mit starkem Appellcharakter gesungen, voller Ungeduld: „Macht hoch die Tür“ und „Nun komm der Heiden-Heiland“.

Aber es wird nicht nur in den Kirchen gebetet. Es wird auch zu Hause gebacken und es werden Vorbereitungen für das weihnachtliche Festmenü getroffen. Die Festfreude ist umso größer, je länger und je gründlicher ich mich darauf vorbereiten kann. Diese alte Tugend der abwartenden Geduld ist nicht mehr so weit verbreitet, seit alle Welt vom vorweihnachtlichen Stress redet, seit die Lebkuchen schon im September im Regal liegen und Weihnachtslieder ab Mitte November aus den Lautsprechern dringen.

Warten im Advent ist für mich dagegen eine freundliche Einladung, die Zeit vor Weihnachten zu nutzen, um Zeiten der Ruhe zu suchen und nach innen zu horchen, was das Schiff mir bringen mag. Es trägt ja eine teure Last, wie es im Leid weiter heißt: „eine wertvolle Ladung, ein Geschenk.“

Was für eine Last mag das sein? Die dritte Strophe gibt mir eine Antwort, denn da heißt es:

„Der Anker haft auf Erden, da ist das Schiff an Land.

Das Wort will Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.“

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 30.11.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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