Wort zum Tage, 28.11.2019

von Joachim Ophale, Berlin

Das Evangelium von Nauen

In der Kleinstadt Nauen, westlich von Berlin, lebt eine alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern. Die alltäglichen Herausforderungen, die sie bewältigen muss, sind groß. Die Kinder fordern ihre ganze Kraft. Behörden schicken schwer verständliche Papiere und ihr Beruf im Einzelhandel ist zwar anstrengend, aber deswegen keineswegs sicher. Als dann auch noch ihr Fahrzeug den Geist aufgibt, wird die Not offenkundig. Denn jetzt kann die Frau Fahrten zur Kita, zur Schule und zum Arbeitsplatz nicht mehr unter einen Hut bringen. Die gesamte Tagesplanung bricht zusammen. Die Frau reagiert mit Panik, die Kinder kriegen das natürlich mit, die Anspannung in der Familie ist offenkundig und entlädt sich in Frustration und manchmal auch in Aggression. 

Eine Ärztin, die Kenntnis hat von der momentanen Notsituation, findet eine Lösung. Sie erreicht, dass einer ihrer Patienten, der unerkannt bleiben will, sein Auto zur Verfügung stellt. Und zwar gratis. Er hat nur eine Bedingung: er will nicht, dass darüber groß geredet wird. Schon gar nicht, dass sein Name bekannt wird.

„Gutes tun und darüber reden!“. So lautet ein häufiger Spruch von Leuten, die es gut meinen und die davon überzeugt sind, dass man mit gutem Beispiel vorangehen muss, um andere auch für das Gute zu gewinnen. Hier in Nauen läuft es andersherum: „Helfen, aber im Geheimen! Auf jeden Fall ohne sich damit zu schmücken“ – so lautet diesmal die Parole.

Wohltätig zu sein ist eine wichtige menschliche Tugend. Natürlich auch ein christlicher Appell. In jedem Fall sind gute Taten auch dann wirklich gut, wenn sie im Verborgenen geschehen. Denn dann ist die Gefahr gebannt, dass ich moralische Schminke auftrage, die mehr auf den äußeren Schein bedacht ist, als auf die tatsächliche Hilfe.

Für mich hat Helfen viel mit Demut zu tun. Und mit der inneren Freiheit, hilfreich zu sein, ohne es vor mir her zu posaunen. So verstehe ich auch die Episode aus dem Neuen Testament in der Bibel, die von einem ziemlich heftigen Zwiegespräch zwischen Jesus und einem Pharisäer berichtet. Jesus wird hier reichlich polemisch, wenn er den Pharisäer beschuldigt, er gleiche einem „übertünchten Grab“, also: außen schön, aber innen tot (vgl. Matthäus 23,27).

Umgekehrt ist man dem Himmel näher: Mit innerer Schönheit, die sich aus Barmherzigkeit und Menschenliebe speist, und mit Diskretion nach außen hin. So wurde das Evangelium neulich in Nauen zu einer ganz konkreten Wirklichkeit.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 28.11.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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