Wort zum Tage, 29.11.2019

von Joachim Ophale, Berlin

Junge Propheten

„Ach, mein Gott und Herr, ich kann  doch nicht reden, ich bin ja noch so jung“ – so klagt der biblische Prophet Jeremia, als er von Gott den Auftrag bekommt, den Mächtigen im Lande die Leviten zu lesen. Aber der biblische Gott hat kein Einsehen mit dem ängstlichen Propheten:

„Sag nicht: Ich bin noch so jung. …. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn  ich bin mit dir…
(Jeremia 1)

Den Mächtigen die Leviten lesen… Ich muss immer wieder an diese Geschichte denken, bei den Bildern von den Freitagsdemos der Schüler in den Nachrichten. Junge Leute, kaum volljährig, machen trotzig und auch sehr kreativ und wirkungsvoll von sich reden und beharren darauf, dass ihre Botschaft dringlich ist – dringlicher als der Schulbesuch am Freitag. Die 16jährige Greta aus Schweden, das Idol der Schülerdemos, ist auch noch sehr jung. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – wird sie überwiegend ernstgenommen, als unbequeme Mahnerin – fast so wie die strengen Bußprediger, die man aus der Bibel kennt.

Der Prophet Amos hat es in unvergleichlicher Schroffheit vorgemacht, als er den damaligen Herrschern seines Volkes zurief:

„Weh euch, ihr Sorglosen … und ihr Selbstsicheren…, die ihr faulenzt auf euren Polstern…Das Fest der Faulenzer ist vorbei!
(Amos 6,1.4.7)

Auch  Mahatma Ghandhi war ein solcher unerbittlicher Prophet, als er das Salzmonopol der englischen Kolonialherren bewusst missachtete und dafür Schläge hingenommen hat.

„Fridays for future“ steht mittlerweile aber auch mehr und mehr in der Kritik. Es wird bemängelt, dass die Protestierer immer nur „Nein“ sagen zum gegenwärtigen Lebensstil, aber zu wenig konstruktiv sind, nicht an Arbeitsplätze und wirtschaftliche Zusammenhänge denken. Leider gibt es auch viel Polemik, Hass und Häme. Ich glaube aber, dass spätere Generationen einmal voller Hochachtung von den Klimaprotesten unserer Zeit sprechen werden. Von einer Zeit, in der die Jugendlichen den Alten vorgemacht haben, wie man Dinge, die aus dem Ruder laufen, wieder in den Griff kriegen könnte. Weil sie nicht mitschaufeln wollen an den Gräbern der Klimaerwärmung, der Plastikvermüllung und Abgasvergiftung. 

Propheten sind häufig einsam und fast immer kompromisslos. So können sie ohne falsche Rücksichten sprechen und deshalb werden sie für andere auch zum Idol. Zugleich schaffen sie so eine Gemeinschaft der Gleichgesinnten und führen unsere Gedanken weiter als bis zum nächsten Sachzwang oder zum nächsten Wahltermin. So kann die Jugend die Erwachsenen zur Verantwortung erziehen, zur Verantwortung gegenüber der nachfolgenden Generation und der ganzen Schöpfung.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 29.11.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche