Wort zum Tage, 26.11.2019

von Joachim Ophale, Berlin

Gegen Einsamkeit

„Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut“. So hat Wilhelm Busch einmal gedichtet. Und er zählt die Vorteile des Alleinseins auf: Du kannst dich benehmen wie du willst; den ganzen Tag im Hausrock rumlaufen; Krach machen; in der Wohnung rauchen wie ein Schlot, ohne dass der Partner meckert, und so weiter. Selbst wenn du dann der Vergessenheit anheimfällst, ist es besser allein zu sein. Denn, so heißt es weiter: „Nur allerhöchstens fragt mal einer: Was, lebt er noch? Ei, Schwerenot! Ich dachte längst, er wäre tot.“ (*)

Ich bin nicht sicher, ob es ironisch zu verstehen ist, oder ob der Dichter es ernst meint mit seiner Lobrede auf die Einsamkeit. Eines aber weiß ich: Ungewollt allein zu sein ist eine der stärksten Belastungen der Seele. Therapeuten wissen ein Lied davon zu singen. Dabei ist Einsamkeit nicht nur eine Not älterer Menschen. Es betrifft zunehmend auch Jüngere, häufig in Zusammenhang mit einer depressiven Erkrankung.

Mittlerweile  hat das Thema sogar die Tagespolitik erreicht. Sie hat Handlungsbedarf erkannt, nicht nur weil unsere Gesellschaft immer älter wird, sondern weil auch junge Leute oft allein leben und ihre Kontakte allenfalls im Internet pflegen. In Berlin wurde unlängst über einen „Einsamkeitsbeauftragten“ des Senats nachgedacht. Nach dem Vorbild von England, wo es sogar ein Einsamkeitsministerium gibt.

Ja, so eine Art Nottelefon für Einsame könnte eine gute Sache sein. Gibt es allerdings auch schon bei der Telefonseelsorge. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung kennen sich aus mit Einsamkeit und können wertvolle Tipps geben.

Alleinsein ist ja nicht in jedem Fall schädlich. Musiker, Wissenschaftler, Erfinder und überhaupt alle kreativen Leute schätzen Zeiten, in denen sie ganz bei sich selbst sein können, ohne dass jemand stört. Aus manchen Quellen können wir nur schöpfen, wenn wir allein sind.

Aber: Alleinsein ist eben etwas anderes als Einsamkeit. Denn die Einsamkeitserfahrung geht ja oft einher mit einem Gefühl der Nutzlosigkeit.

„Wer du einsam bist, suche jemanden, der noch einsamer ist. Ihr werdet einander trösten, miteinander aufbrechen und die Welt verändern!“ – Dieser Satz, den Papst Johannes Paul II. einmal gesagt hat, soll kein billiger Trost sein, sondern ein Appell, die Initiative zu ergreifen. Mal vorbeikommen beim Gemeindefest oder sich beim ehrenamtlichen Besuchsdienst als freiwillige Helferin melden – das wäre schon viel. Nicht jeder hat die Kraft dazu. Aber versuchen sollten Sie es.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

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(*) Wilhelm Busch, Gedicht Der Einsame; Zu guter Letzt, Historisch-kritische Gesamtausgabe; Hrg. Friedrich Bohne. Wiesbaden und Berlin 1960, Bd. 4, S. 324f


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Dieser Beitrag wurde am 26.11.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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