Wort zum Tage, 27.11.2019

von Joachim Ophale, Berlin

Café Rückenwind

„Geh da mal hin; da bist du wieder unter Menschen; das ist superwichtig“. Das hat der Bewährungshelfer zu Wolfgang, dem entlassenen Strafgefangenen, gesagt. Der hat mehrere Jahre in einem Berliner Gefängnis abgesessen und muss nun versuchen, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Wolfgang spürt schon ganz genau, dass er sich „trennen muss, von dem ganzen Dreck“, wie er sagt. Aber: das ist gar nicht so einfach für ehemalige Häftlinge. Nicht nur, dass sie von den Normalos misstrauisch beäugt werden sobald ihre Vergangenheit bekannt wird. Auch sie selbst haben oft große Kontaktprobleme nach den Jahren im Gefängnis. Viele haben Angehörige verloren; die Freundin hat sich getrennt; Kinder oder Eltern wollen nichts mehr von einem wissen. Es soll gar nicht so selten vorkommen, dass langjährige Insassen lieber in der Haft bleiben wollen, denn da hatten sie ihre geregelte Beschäftigung und wussten immerhin, wer nebenan in der Zelle sitzt. 

„Gefangene besuchen“ lese ich als Aufforderung im Neuen Testament der Bibel. Das ist eine der sogenannten sieben Taten der Barmherzigkeit (vgl. Matthäus 25,34-40). In anderen Übersetzungen heißt es sogar: Gefangene befreien. Dabei geht’s nicht darum, einen Ausbruch zu organisieren. Für unsere Zeit heißt das, Strafgefangenen während und vor allem auch nach der Haft eine Brücke bauen zu helfen, dass sie leichter wieder zu willkommenen Mitbewohnern, Nachbarn oder Kollegen werden können.

Jeder weiß, dass das nicht einfach ist. Ich höre auch schon die Vorbehalte derer, die sagen: Ihr kümmert euch mal wieder nur um die Täter. Die Opfer von Straftaten habt ihr viel zu wenig im Blick. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber wir dürfen nicht das Leid des einen mit der Not des anderen gegenrechnen. Zumal, wenn Täter für ihre Straftaten gesühnt haben. 

In Berlin hat eine kirchliche Initiative das „Café Rückenwind“ gegründet. Es ist ein besonderer Ort in den Räumen einer katholischen Kirchengemeinde in Bezirk Reinickendorf, wo ehemalige Häftlinge hingehen können – um Leute zu treffen, zum Kaffeetrinken und natürlich zum Reden. Der Gefängnispfarrer, der sich für die Einrichtung des Cafés stark gemacht hat, sagt: es ist genauso wichtig, Betroffenen beim Wiedereinstieg in ein normales Leben behilflich zu sein, wie die seelsorgliche Betreuung während der Haft.

Rückenwind, das ist ein schöner Name für ein besonderes Angebot. Rückenwind können wir alle gebrauchen. Besonders aber solche Menschen, die aus welchen Gründen auch immer von der Spur abgekommen sind, und einen Neustart versuchen.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 27.11.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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