Morgenandacht, 23.11.2019

von Prälat Gerhard Stanke, Fulda

„Sehnsucht nach Gerechtigkeit“

Wird ein Mensch religiös, weil er sich nach dem ewigen Leben sehnt? Nach der Unendlichkeit? Max Horkheimer, ein Philosoph der Frankfurter Schule, hat darauf gesagt: Es ist noch mehr als das – der religiöse Mensch hat auch die Sehnsucht nach einer vollendeten Gerechtigkeit. Denn diese könne es in der Welt niemals geben, so Horkheimer. Denn selbst wenn eine bessere Gesellschaft die gegenwärtige soziale Unordnung ablösen würde, dann würde damit vergangenes Elend und Unrecht nicht wieder gutgemacht und die Not in der umgebenden Natur nicht aufgehoben.

Max Horkheimer verbindet mit der Religion den Gedanken vollendeter Gerechtigkeit. Es geht im Glauben an Gott also nicht nur um die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod. Es geht nicht nur um den Protest, dass das Leben zu Ende ist, bevor wir wirklich ganz glücklich geworden sind. Oder dass der Tod uns von den Menschen trennt, die wir lieben. Es geht auch um „vollendete Gerechtigkeit“. Und die kann es auf Erden nicht geben! An einer anderen Stelle in dem Interview spricht Horkheimer von der Sehnsucht, „dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge“.

Viele Diktatoren und ihre Helfershelfer, die Menschen ins Gefängnis gebracht oder ermordet haben, werden für ihre Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen in dieser Welt. Sie sind auf dem internationalen Parkett zu Hause und bekommen später noch ein Staatsbegräbnis. Auf diese Weise triumphieren sie über ihre Opfer. Horkheimer scheint recht zu haben: Innerweltlich gibt es keine vollendete Gerechtigkeit. Da bleiben viele Verbrechen ungesühnt, und die Opfer erfahren oft keine Wiedergutmachung.

Nun kann sich der Mensch resignierend damit abfinden, dass es so ist. Er sagt vielleicht schulterzuckend: „Ich kann daran nichts ändern“. Und er kann es ja auch nicht.

In den Aussagen von Horkheimer kommt für mich ein Aspekt meiner christlichen Hoffnung zur Sprache, der oft negativ besetzt ist: nämlich der Gedanke eines Gerichts nach dem Tod. Bei dieser Vorstellung geht es eben auch um Gerechtigkeit. Ich meine: Gut so! Denn auch die Diktatoren aller Zeiten müssen dann ihr Leben vor Gott verantworten. Mag Gras über den Ort wachsen, wo ihre Opfer verscharrt wurden. Bei Gott sind diese Opfer nicht vergessen. Im Gericht werden die Täter dann mit der Wahrheit des Lebens konfrontiert. Die Wahrheit wird aufgedeckt. Das ist wichtig. Die vollendete Gerechtigkeit verlangt es. Dann kann auch Läuterung und auch Versöhnung zwischen Opfer und Täter geschehen. Aber die Täter dürfen sich nicht mehr über die Opfer erheben.

Von einem solchen Gericht Gottes ist in der Bibel die Rede. Ich glaube daran und denke: wenn ich im Tod Gott begegne, wird auch die Wahrheit meines Lebens aufgedeckt. Doch nicht im Angesicht eines strafenden, sondern eines liebenden Gottes – denn im Kontext der Bibel kann ich davon ausgehen, dass die Liebe der Maßstab Gottes im Gericht sein wird. Wenn mir dann deutlich aufgeht, wie sehr Gott mich geliebt hat, dann wird mir bewusst werden, wie weit ich hinter dem Anspruch auf diese Liebe zu antworten, zurückgeblieben bin. Und auch hinter dem Anspruch, den Nächsten zu lieben wie mich selbst. Aber dann, glaube ich, kann ein Prozess der Läuterung in Gang kommen, der schmerzlich, aber auch sehr heilend ist.

Ich denke dabei an den Apostel Petrus, der Jesus drei Mal verleugnet hat. In der Passionsgeschichte wird berichtet, dass Jesus vom Hohen Rat verhört wird. Petrus, einer seiner engsten Freunde, wartet draußen im Hof. Da wird er von einer Magd als Anhänger Jesu erkannt. Petrus aber streitet es ab und schwört sogar, dass er Jesus nicht kennt. Als Jesus dann wenig später Petrus anblickt, da wird dem Apostel bewusst, was er getan hat. Und es heißt: Petrus ging weg und weinte bitterlich. Später, nach der Auferstehung, wird Jesus Petrus wieder neu berufen und ihm sein Vertrauen schenken. Durch die Läuterung ist ein neuer Anfang möglich.
Im Gericht wird die Schuld aufgedeckt. Die Gerechtigkeit erfordert das. Aber Gott will den Menschen nicht festlegen auf seine Schuld, sondern er will liebevoll einen neuen Anfang ermöglichen. Der Philosoph Horkheimer hat Recht: Für mich begründet mein Glaube an Gott auch die Hoffnung, dass es bei ihm eine vollendete Gerechtigkeit gibt.

 Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 23.11.2019 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche