Morgenandacht, 22.11.2019

von Prälat Gerhard Stanke, Fulda

„Wie leben?“

„Wie leben?“ Diese Überschrift hat ein Ordenspriester gewählt, der einen Exerzitienkurs gab, also: Besinnungstage für suchende Menschen. Zur Vorbereitung besucht er einen befreundeten Priester, den hoch angesehenen polnischen Philosophen, Jozef Tischner. Dieser liegt mit einer schweren Kehlkopferkrankung in der Klinik. Der Philosoph, oft als Referent eingeladen, hat keine Stimme mehr. Die Krankheit veränderte sein Leben total. Der Besucher erzählt ihm von seiner Einladung zu einem Kurs mit dem Thema „Wie leben?“ und bittet ihn, ihm für dieses Thema einige Stichworte zu geben. Die Antwort des Schwerkranken auf die Frage ist knapp und provozierend.

„Das `Wie` sei unwichtig“, schreibt Tischner auf einen Zettel, „entscheidend ist vielmehr `mit wem`.“

Diese überraschende Antwort ist wahrscheinlich der Situation geschuldet, in der sich Tischner sich befindet: In seiner Krankheit braucht er die Hilfe von anderen, von den Ärzten und vom Pflegepersonal. Vor seiner schweren Erkrankung hätte er, der Priester und Philosoph, sicher einiges zu der Frage „wie leben“ sagen können. Darüber hat er viel nachgedacht und auch gesprochen. Und in der Tat, es ist ja auch wichtig zu überlegen: Wie sollen wir leben? Von welchen Überzeugungen sollen wir uns leiten lassen? Wie sollen wir unser Leben und unsere Beziehungen zu den Menschen gestalten?

Aber in bestimmten Lebenssituationen wird deutlich, wie wichtig, die Nähe eines Mitmenschen ist. Das gilt für den Anfang unseres Lebens, ebenso wie für die letzte Phase.

Am Anfang kann der Mensch noch nicht wählen, mit wem er leben will. Weder die Eltern können sich ihre Kinder aussuchen noch die Kinder ihre Eltern. Später haben wir die Möglichkeit zu entscheiden, wem wir Vertrauen schenken. Oder wir erfahren auch, dass andere einen gemeinsamen Weg mit uns gehen wollen.

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, kommen mir Menschen in den Sinn, die für mich prägend waren: Menschen also, die mir geholfen haben, Vertrauen zu finden, und die mich viele Jahre hindurch begleiteten. Wer auf sein Leben zurückblickt, wird viele Wegbegleiter entdecken, für die er dankbar sein kann. Ich kenne viele, mit denen ich ein Stück des Weges gegangen bin oder sie mit mir. Auch wenn sich die Wege getrennt haben, sind dankbare Erinnerungen geblieben. Manchmal auch solche, die von Missverständnissen geprägt sind und Enttäuschungen hinterlassen haben.

Es ist nicht so wichtig, wie, sondern mit wem du lebst. Das ist natürlich kein Gegensatz, sondern es hängt beides zusammen. Aber der schwerkranke Philosoph Jozef Tischner setzte doch einen deutlichen Schwerpunkt auf die Beziehungen, in denen ein Mensch lebt. 

Von daher fand ich auch eine Antwort auf die oft gestellte Frage, warum eigentlich Jesus kein Buch geschrieben hat. Das hätte doch nahegelegen, um mit seiner Botschaft auch die kommenden Generationen zu erreichen. Dann hätten wir seine authentischen Antworten auf verschiedene Fragen. So haben wir, nicht mehr aber auch nicht weniger, die Zeugnisse von vier Evangelisten, deren Aussagen manchmal in Spannung zueinander stehen. Jesus hat kein Buch geschrieben. Er hat einen anderen Weg gewählt. Er hat Menschen um sich gesammelt und sie miterleben lassen, wie er anderen Menschen zu seiner Zeit begegnet ist und welche Botschaft er ihnen auf diese Weise nahegebracht hat. Das sollten sie hören und sehen und erleben und dann weitersagen. Und das nicht nur mit Worten, sondern durch die Art, wie sie mit den Menschen umgehen. Vielleicht hat Jesus seine wichtige Botschaft deshalb nicht in ein Buch geschrieben, sondern Menschen vermittelt, die sie durch ihr Leben weitergeben sollten. Und er hat ihnen versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Zeit“.

Mit ihm sollten sie in Verbindung bleiben. Wichtig ist nämlich, mit wem wir leben.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 22.11.2019 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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