Morgenandacht, 21.11.2019

von Prälat Gerhard Stanke, Fulda

„Wer möchte ich geworden sein?“

„Wer möchte ich geworden sein, wenn ich gewesen bin?“ Mit dieser Frage wurden bei einem Besinnungswochenende jüngere und ältere Menschen vor eine besondere Aufgabe gestellt: sie sollten ihren eigenen Nachruf schreiben. Wichtig waren dabei die Fragen: Wer möchte ich sein? Wer möchte ich werden? Was habe ich von mir für ein Bild?

Jeder Mensch ist einmalig, bis in jede Körperzelle hinein. Am Fingerabdruck kann man jeden Menschen unterscheiden. Es gab und gibt und wird niemanden geben, der so ist wie ich bin. In der Natur gibt es nur Originale. In der Technik legt man oft Wert darauf, dass Produkte exakt gleich sind, damit sie der Norm entsprechen.

Doch jeder Mensch ist einzigartig. Er hat eine besondere Begabung und auch Grenzen und Schwächen. Bei Veranstaltungen, zu denen auch Menschen mit Behinderung eingeladen werden, habe ich oft erlebt, dass bei der Begrüßung gesagt wird: Hier sind Menschen mit und ohne Behinderung. Da dachte ich mir – und habe es auch schon oft gesagt: Das stimmt so nicht. Alle Menschen haben Begabungen und Behinderungen. Auch die so genannten Menschen ohne Behinderung sind nicht frei von Behinderungen. Manchmal zeigt sich das in ihrem Sozialverhalten ganz deutlich: Sie sind rücksichtslos und verletzen andere absichtlich. Sie benutzen ihre Ellenbogen, um sich durchzusetzen auf Kosten der Schwächeren. Umgekehrt zeigen gerade behinderte Menschen oft eine große Offenheit und Herzlichkeit. Ich denke an jene mit Down-Syndrom, denen ich persönlich begegne.

Wir alle haben Begabungen und Handicaps, wie man heute oft sagt.

Wir alle sind also einmalig!

Und wer möchte ich geworden sein, wenn ich gewesen bin – als dieser konkrete Mensch mit seinen Begabungen und Grenzen? Ich würde sagen: Ich soll der werden, der ich sein kann. Dazu kann ich auf meine Talente und Interessen schauen. Ich kann in mich hinein hören, um zu entdecken, was sich an Gedanken, Wünschen und Träumen meldet. Vielleicht ist es ein Stimmengewirr. Vielleicht lässt sich dabei auch eine Idee, ja eine Sehnsucht entdecken, die sich beim Überlegen immer wieder zeigt und durchhält.

Aber es braucht, meine ich, auch den Blick von außen. Vor einiger Zeit kam mir eine Selbstverständlichkeit zu Bewusstsein, nämlich die, dass ich mein Gesicht selbst nicht so sehen kann wie die anderen um mich herum. Viele Teile meines Körpers kann ich anschauen. Aber mein Gesicht, das doch so viel widerspiegelt von meinem inneren Erleben, von meinen Ängsten und Hoffnungen, von Freude oder Trauer, das kann ich ohne Hilfe eines Spiegels nicht erkennen.

Um also wahrzunehmen, wer ich bin, und auch wer ich sein kann, brauche ich andere Menschen, die mir mein Verhalten spiegeln und mir helfen, mich zu erkennen, samt meiner Fähigkeiten und Begrenzungen.

Im Nachdenken über mich und im Gespräch mit anderen kann ich so vielleicht auch meine Berufung entdecken. Der große englische Theologe Kardinal Newman schreibt dazu: „Ich bin erschaffen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer erschaffen ist. Ich habe einen Platz in Gottes Ratschluss, auf Gottes Erde, den kein anderer hat. Ob ich reich oder arm bin, verachtet oder geehrt von den Menschen, Gott kennt mich und ruft mich bei meinem Namen.“

Kardinal Newman war überzeugt, dass er lebte, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die er von Gott übertragen bekommen hat – und die niemand sonst haben würde. Ich meine, das ist ein faszinierender Gedanke: Jeder Mensch hat dann seine Mission. Irgendwie bin ich also zur Ausführung eines bestimmten Plans nötig. Kardinal Newman war überzeugt: „Auch wenn ich es in diesem Leben nie erfahre. Im künftigen wird mir die Aufgabe kund.“

Ich glaube aber: Wir können eine Ahnung davon bekommen, wenn wir der Frage nachgehen: „Wer möchte ich geworden sein, wenn ich gewesen bin?“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 21.11.2019 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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