Morgenandacht, 19.11.2019

von Prälat Gerhard Stanke, Fulda

Willkür im Umgang mit Worten

„Ich würde den Sprachgebrauch verbessern“.

Das antwortet der weise Konfuzius auf die Frage, was er als erstes machen würde, wenn er ein Land zu verwalten hätte. Seine Zuhörer sind erstaunt. „Das hat doch mit unserer Frage nichts zu tun“, sagen sie. „Was bringt die Verbesserung des Sprachgebrauchs?“ Konfuzius antwortet: „Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande. Kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht. Gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht. Trifft die Justiz nicht, so weiß die Nation nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkür in den Worten. Das ist es, worauf alles ankommt.“ – So Konfuzius.

Wir erleben zurzeit, wie sehr Sprache missbraucht wird. Es werden unwahre Behauptungen ins Netz gestellt, und sie verbreiten sich über die modernen Medien in der ganzen Welt. Manche Menschen veröffentlichen solche unwahren Behauptungen, um die eigene Person in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Andere tun es, um Menschen in Verruf zu bringen – sei es den politischen Gegner oder jemanden aus dem persönlichen Bekanntenkreis. Das Ausmaß des Missbrauchs der Sprache erschreckt mich. Und die modernen Medien ermöglichen leider eine weltweite Wirkung. Das Netzwerk Kommunikation, das eigentlich verbinden soll, wird missbraucht, um Zwietracht zu säen und Menschen zu erniedrigen. 

Das Wort von Konfuzius kann deshalb ein Anstoß sein, das eigene Sprechen zu überdenken. Vor allem, wenn es andere Menschen betrifft. Auch der bekannte Philosoph Sokrates hat sich mit der Wahrhaftigkeit von Äußerungen auseinandergesetzt. Der spricht von drei Sieben, die man verwenden soll. Als ein Bekannter ihm etwas über seinen Freund erzählen will, fragt Sokrates ihn:

„Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?“ „3 Siebe? Welche?“, fragt der andere verwundert. „Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du das, was du mir berichten willst, geprüft, ob es auch wahr ist?“ „Nein“, - antwortet der Andere, „ich hörte es erzählen, und…“ „Nun“, so unterbricht ihn Sokrates, „dann hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht wahr ist - wenigstens gut?“ Der andere zögert. „Nein, das ist es eigentlich auch nicht. Im Gegenteil…“ - „Also“, sagt Sokrates, „so wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint.“ „Notwendig gerade nicht“, meint der Andere. „Also“, lächelt der Weise, „wenn das, was du mir eben sagen wolltest, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit.“

Ein weiterer Maßstab, an dem ich mein Reden und Verhalten überprüfen kann, ist die sogenannte Goldene Regel. Sie findet sich in vielen Religionen und ethischen Überlieferungen. Ich habe sie als Kind in der negativen Form gelernt: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“. Jesus sagt das positiv: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12)

Die Goldene Regel fordert mich auf, die Wirkung meiner Worte und Taten aus dem Blickwinkel des Menschen zu sehen, der davon betroffen ist. Sie fordert dazu auf, sich in die Situation des Betroffenen zu versetzen und aus dieser Perspektive auf das eigene Reden und Handeln zu schauen. Dabei ist vorausgesetzt, dass ich den anderen als Meinesgleichen ansehe. Ihm kommt die gleiche Würde zu wie mir. Und er hat auch die gleichen Rechte. Ich habe keinen Grund, mich über den anderen zu erheben und eine Sonderstellung zu beanspruchen. Wir stehen als Menschen alle auf der gleichen Stufe, was die Achtung vor der Würde und den Anspruch der Menschenrechte angeht. Die Überlegungen des Konfuzius, die drei Siebe des Sokrates und die Weisheit der goldenen Regel – ich meine, das sind drei einfache Filter für das Sprechen über Andere.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 19.11.2019 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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