Morgenandacht, 20.11.2019

von Prälat Gerhard Stanke, Fulda

„Muss man den Tod fürchten?“

„Muss man den Tod fürchten?“ - das wurde der Schriftsteller Bodo Kirchhoff in einem Interview im Magazin Chrismon gefragt.

Bodo Kirchhoff antwortet: „Ja, das ist die Auslöschung. Das Schlimmste aber“, so fährt er fort, „wäre das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Deswegen habe ich mir immer alles geholt und alles räuberartig genommen. Ich habe mit allen Mitteln das Leben in mein Leben geholt: durch Beziehungen, Freundschaften, Familie, durch den Bau eines Hauses, durch viele Reisen. Das gibt mir die Zuversicht, dass ich irgendwann dem Tod ins Gesicht sehen kann und zu ihm sage: `Ich habe im Leben wenig versäumt`.“

Diese Antwort von Bodo Kirchhoff zeigt: Wie ein Mensch über den Tod denkt, das hat offensichtlich Auswirkungen darauf, wie er sein Leben versteht und sein Leben führt. Mir ist zu der Aussage von Bodo Kirchhoff ein Buch von Marianne Gronemeyer eingefallen. Es heißt: „Das Leben als letzte Gelegenheit“. Darin geht es unter anderem um den Blick auf das Leben aus Sicht des Todes. Ich habe nur dieses eine Leben, ein paar Jahrzehnte. Wie lang genau, weiß ich nicht. Aber die Zeit ist begrenzt. Das ist eine Tatsache. Und die schafft Druck. Ich muss herausholen aus diesem Leben, was möglich ist. Ich versuche, meine Begabungen einzusetzen und meine Ziele zu erreichen. Ich wünsche mir Anerkennung und das Gefühl, nichts versäumt zu haben, wie Bodo Kirchhoff sagt. Das ist ein spannendes, aber auch anstrengendes Leben. Denn: Die Wünsche sind fast immer größer als die Befriedigung durch das, was ich erreicht habe.

Diese Lebenseinstellung von Bodo Kirchhoff hat mich sehr nachdenklich gemacht. Vor allem der Satz: „Deswegen habe ich mir immer alles geholt und alles räuberartig genommen.“ Das klingt nach Rücksichtslosigkeit. Weil die Chancen zum Glück begrenzt sind, der Durst nach Glück aber unendlich, muss ich versuchen, meint er, ein möglichst großes Stück vom Glückskuchen zu ergattern – notfalls auf Kosten anderer. Der Mitmensch wird dann zum Konkurrenten, wenn es darum geht, meinen Wunsch nach Glück zu befriedigen.

Ich glaube: Wie Bodo Kirchhoff über Leben und Tod denkt, gilt für viele Menschen. Allerdings frage ich mich: Würde sich an Ihrer Lebenseinstellung etwas ändern, wenn sie glauben könnten, dass das Leben auf Erden nicht alles ist? Wenn sie hoffen könnten, dass ihre unersättliche Sehnsucht nach Glück einmal erfüllt wird? Sie müssten es nicht jetzt unbedingt auf Kosten anderer anstreben. Dann ist der andere nicht Konkurrent.

Auf diesem Hintergrund kann die Botschaft des Jesus von Nazareth eine ganz neue Sicht auf das Leben jetzt eröffnen: „Ich bin gekommen damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10), sagt er. Es geht um Leben in Fülle. Das ist seine Verheißung. Christen glauben, dass er in seiner Auferstehung die Mauer des Todes durchbrochen und den Weg zu einem Leben in Fülle für alle Menschen eröffnet hat. Der Glaube an dieses neue Leben nach dem Tod kann dann von dem Druck befreien, hier schon das vollkommene Glück schaffen zu müssen. Was ohnehin nicht gelingt. Auch wenn ich nicht alle Möglichkeiten ausnutze, ich komme nicht zu kurz.

Der Glaube an das, was Jesus verspricht, kann auch Kraft geben, in diesem Leben auf manches zu verzichten, z.B. um für andere Menschen da zu sein. Das ist nicht unbedingt mit der Verheißung eigenen Glücks verbunden. Ich denke an Frauen und Männer, die ihren schwerkranken Partner über Jahre pflegen und dabei auf vieles verzichten müssen. Oder ich denke an Eltern, die ein Pflege-Kind adoptiert haben, um ihm das Gefühl zu geben, dass es erwünscht und liebenswert ist. Wer in dieser Welt die Liebe leben will, der muss auch bereit sein zu verzichten. Und in diesem Verzicht, den er aus Liebe auf sich nimmt, kann er eine andere Weise von Glück und innerem Frieden finden.

Ich meine: der Glaube an ein Leben nach dem Tod kann die Einstellung zum Leben hier auf Erden verändern.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 20.11.2019 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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