34. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Aegidius, Rheda-Wiedenbrück


Predigt von Pfarrdechant Reinhard Edeler

„König der Welt!“

Zugegeben, liebe Schwestern und Brüder, gar nicht fromm, kommen mir da zunächst eine Boxlegende und ein Kinofilm in den Sinn.

Im Jahr 1964 ist es Muhammed Ali, der sich mit dem Siegesruf nach seinem Weltmeisterkampf: „Ich bin der König der Welt, ich habe die Welt erschüttert!“ unweigerlich für unbesiegbar hält.

Im Jahr 1997 ist es Leonardo di Caprio, der als Jack Dawson im Film Titanic– an die Reling des gleichnamigen Schiffes gelehnt – ausruft: „Ich bin der König der Welt!“

Beide „Könige der Welt“, beide Lebensentwürfe enden, wie sie wissen tragisch. Der eine erkrankt an Parkinson, stirbt 2016 an einem septischen Schock, der andere versinkt wenig später mit hunderten anderer Opfer der Titanic-Katastrophe in den Fluten des eiskalten Ozeans. 

Gewiss gibt es und kommen Ihnen noch viele andere und zweifellos auch schönere Bilder und Gedanken im Zusammenhang mit Königtum und Monarchie, doch lassen sie mich, wenn es manchen unter Ihnen auch zunächst befremden mag, am Christkönigssonntag einen Vergleich anhand meiner beiden ersten wagen. Das Gefühl, König und Königin der Welt zu sein, beflügelt doch auch uns in Momenten überschwänglicher Freude, sei es nach gelungenen Siegen über vermeintliche Gegner, meist doch über den inneren Schweinehund, sei es in der Erfüllung lang gehegter Wünsche, im wahr werden großer Lebensträume.

Wann haben sie sich zuletzt wie der König, die Königin der Welt gefühlt? War das nicht wunderbar? Aber, und genau dieses Aber ist wesentlich, wie lange hielt dieses Gefühl an? Bestimmt nicht allzu lang, denn die Niederungen und Beschwernisse des Alltags holen uns recht bald auf den Boden der Tatsachen zurück! Und jetzt gerade, in diesem Moment? Fühlen Sie sich als König, als Königin der Welt? Ich behaupte einfach mal, dass Sie das nicht tun! Erlauben Sie mir provokant nachzuhaken: Warum eigentlich nicht? Genau deshalb sind wir doch hier in der Aegidiuskirche und an den Radiogeräten versammelt, um Anteil zu haben am Königtum Jesu Christi, um auszudrücken, dass wir ein wesentliches Glied des irdischen Abbildes des himmlischen Königsreiches seiner Allmacht sind, Glied seiner Kirche.

Zweifellos, der König, den wir heute feiern, auch er hat die Welt erschüttert, damals wie heute, denn die Erwartungen, die wir gemeinhin an einen König stellen, erfüllt er so recht gar nicht. Er wird als König weder in einem Palast geboren, sondern in einem Stall, noch stirbt er als König umgeben von einem prachtvollen Hofstaat auf königlichem Sterbebett, sondern fast gänzlich allein gelassen schmachvoll am Kreuz!

Und rein statistisch, quantitativ betrachtet, ich hoffe, das ist nicht pietätslos, scheint sein Schiff, das sich Gemeinde nennt, auch leck geschlagen zu sein und zumindest im viel beschworenen christlichen Abendland in den gefühlskalten Fluten gesellschaftlicher Veränderungen unterzugehen. Wie oft müssen wir uns gegenwärtig als Christen, als Katholiken rechtfertigen, zum Teil fast beschämt zuzugeben, diesem durch interne Skandale und so manch unverständliche Äußerungen der Kapitäne erschütterten Schiff Kirche treu zu bleiben.

In gewisser Weise war es genau diese Intention, die Papst Pius XI. im Jahre 1925 bewog, das Christkönigsfest am letzten Sonntag des Kirchenjahres einzuführen, nämlich die Gläubigen zu stärken im Kampf gegen den Laizismus und das soziale, caritative Königtum Christi zu betonen. Voller Mut zogen in der Nazizeit an diesem Tag die katholischen Jugendverbände gegen Führerkult und irdische Diktatur demonstrierend, mit Bannern und Fahnen auf die Straßen, um ihre Treue zum göttlichen König zu beweisen. Wenig, bis gar nichts scheint davon übrig geblieben zu sein…! 

Oder doch? Nur und in gewandelter, verinnerlichter Form? Sind wir nicht hier zusammengekommen und an den Radiogeräten teilnehmend, weil es uns gerade eben nicht um äußerliche Repräsentanz und Machtentfaltung geht. Feiern wir nicht Eucharistie, Danksagung für das Eigentliche, weil wir zumindest ansatzhaft müde geworden sind in einer Welt, die bis zum Exzess neue Superstars sucht? Finden wir uns wieder in einer Welt, in der die sozialen Netzwerke platzen vor Selbstdarstellung äußerer etwaiger Glücksmomente, in der sich selbst ernannte Könige und Königinnen im blendenden Glamourglanz darstellen, in der das Triviale und Oberflächliche, das doch eigentlich völlig Unbedeutende wahre Triumphe zu feiern scheint? Mitnichten will ich in eine pietistische Schelte einer ach so bösen säkularen Welt einstimmen. Wir leben in dieser Welt, und in der Wirklichkeit will uns Gott umarmen.

Dennoch aber feiern wir heute einen König, dessen Königtum eben nicht von dieser Welt ist, einen am Kreuz sterbenden König, der noch am Kreuz einem Verbrecher das Paradies verspricht! Wir feiern einen König, der uns gerade um unserer Schwäche Willen liebt, der unsere Sünde hasst, uns aber als Sünder liebt. Wir feiern einen König, dessen Thron nicht erhoben und unerreichbar über uns steht, bei dem wir um Audienz betteln müssen, sondern dessen Thron in unseren Seelen und Herzen ist. Wir feiern einen König, dessen Schloss nicht mit Zinnen und Toren verschlossen ist, sondern der unseren gebrechlichen Leib in seiner Menschwerdung als Tempel seiner Wohnstatt erwählt hat. Ja, wir feiern letztlich einen König, der unseren Tod in seinem Tod besiegt hat! Wir feiern den König des Inneren, des Wesentlichen, den König der Liebe! Wir feiern den König, der sich nicht abschottet und sein Volk seinem Schicksal überlässt, sondern der sich hingibt, immer wieder, auf allen Altären der Weltkirche, bis er wiederkommt, um Himmel und Erde zu vereinen und das ewige, niemals endende Friedensreich zu errichten.

Ist Ihnen das, liebe Schwestern und Brüder, etwas zu dick aufgetragen, zu triumphal? Gewiss, oft genug erleben viele von uns das nicht, drohen sie unsere Alltagssorgen zu erdrücken, allzu oft erleben sie eher Gottesferne als Gottesnähe. Eine solche Gottesferne hat dieser König der ganz anderen Art am Kreuz selbst erfahren und erfährt sie in allen Leidenden und Traurigen. Es sind die Momente der Freude und des Leids, in denen Menschen diesen König gegenwärtig erfahren, jedoch niemals die der Langeweile.

Dieser König hat seinem Volk, seiner Kirche niemals Macht und Triumph auf dieser Welt verheißen. Wer Macht und Triumph sucht, wird an diesem König scheitern. Alle irdischen Könige und Königinnen werden samt Reich vergehen. Aber das Königtum der Liebe, das dieser König am Kreuz mit seinem Blut besiegelt hat, es wird, allen Angriffen zum Trotz, Bestand haben.

Der Heilige Augustinus hat die Magna Charta dieses Königsreichs prägnant auf den Punkt gebracht: Liebe, und dann tu was du willst. In diesem Sinn: Haben wir Mut, wird auch alles vergehen, sein Königreich der Liebe wird bestehen!

Amen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 24.11.2019 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche