Am Sonntagmorgen, 01.12.2019

von Pfarrer Thomas Frings, Köln

Zweifeln schützt. Über die unbequeme Seite des Glaubens

Glauben heißt bekanntlich, etwas nicht zu wissen. Und das heißt wiederum: Zu zweifeln ist ein wichtiger Teil des Glaubens. Der Zweifel kann bei der Suche nach Gott sogar Antrieb und Schutz sein.

Als ich vor sechzig Jahren geboren wurde hatte man in Westdeutschland eigentlich nur eine Option wenn es um den Glauben ging: Man war Christ. Die evangelischen und katholischen Christen zusammen machten mehr als 90% der Gesellschaft aus. Der verbleibende kleine Rest wurde argwöhnisch beobachtet oder erst gar nicht wahrgenommen.

Die Pluralisierung der Lebensoptionen hat auch einen wesentlichen Einfluss auf den Glauben der Christen selber, die einst eine kaum hinterfragte Mehrheit der Gesellschaft bildeten. Wenn die Einheit von Gesellschaft und Religion abgelöst worden ist zugunsten einer Pluralisierung, dann hat das Einfluss auch auf den Inhalt des Glaubens selber. War vor Jahrzehnten der Zweifel ein theologisch-theoretischer Bestandteil des Glaubens, so wird er heute durch die gesellschaftlichen Veränderungen eher genährt. Wenn in der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder gar in der eigenen Familie Menschen zu erkennen geben, dass es sich auch ohne Gott gut leben lässt, dann kann das die eigene Entscheidung und Überzeugung in Frage stellen. Die Komfortzone der Glaubenssicherheit erfährt Risse, durch die der Zweifel sich Zutritt verschafft in einen ohnehin schwer zu begründenden Bereich: zu dem, was der Mensch glaubt. Dabei muss der Zweifel keineswegs nur etwas sein, das am Fundament des Glaubens nagt, sondern er kann auch zu einem Antreiber werden, durch den ich mir Klarheit verschaffe über das, was ich glaube.

Ohne Zweifel geht es nicht

Die vielleicht bekanntesten kirchlichen Zweifler unserer Tage dürften der aktuelle Papst Franziskus und die verstorbene Mutter Teresa sein. Im Jahr 2007 ging ein Rauschen durch den Blätterwald, als zehn Jahre nach ihrem Tod Briefe der inzwischen heiliggesprochenen Mutter Teresa auftauchten. Darin berichtet sie von ihren existentiellen Glaubenszweifeln. Ihre Seele leide und Dunkelheit umgebe sie von allen Seiten, denn vielleicht gebe es gar keinen Gott. Papst Franziskus geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt, dass einem Christen, der nicht zweifele, etwas fehle.

Ich halte dies in der Tat für einen bedenkenswerten Aspekt, denn ich glaube, dass ohne den Zweifel der Glaube sich nur schwerlich entwickeln kann. Wie der ganze Mensch, so muss doch der Glaube aus Kindertagen ebenso einen Entwicklungsprozess erleben und so, wie uns der Zweifel generell in der Pubertät reifen lässt, muss auch der Kinderglaube eine Transformation durchlaufen, in der er erwachsen wird.

Den Zweifel als Antrieb nutzen

Auf die Frage, was Mönche eigentlich machen, antwortete der Abt eines Kloster den Besuchern: „Wir suchen Gott.“ Erstaunt kam darauf die Bemerkung: „Wir dachten, Sie hätten Gott gefunden! Warum sind Sie sonst im Kloster?“ Darauf der Abt: „Wer Gott gefunden hat, der muss nicht mehr ins Kloster gehen. Im Kloster finden Sie eher Menschen, die nach Gott suchen.“

Die Suche nach Gott, wie sie der Abt hier als Sinn des Lebens im Kloster benannte, wird unter anderem angetrieben vom Zweifel. Dass das Gefundene noch nicht Gott sein kann, sondern ihn nur zum Teil beschreibt und letztlich alles, was wir von Gott sagen können, ihm unähnlicher ist als ähnlich – das ist Inhalt dieses Zweifelns. Im Hinblick auf die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes bleibt alles, was wir von ihm wissen und sagen doch auch zweifelhaft. Was sich vielleicht zunächst negativ oder enttäuschend anhört ist jedoch auch gerade das, was den glaubenden Menschen antreibt, Gott zu suchen. Wer meint, zweifelsfrei Gott gefunden zu haben, der braucht schließlich nicht mehr nach ihm zu suchen. Der Zweifel ist also ein dem Glauben innewohnendes Element. Es treibt ihn an, sich bei der Suche nach Gott nie mit dem zufrieden zu geben, was man gefunden zu haben meint.

So wie der Zweifel ein innerer Antrieb sein kann bei der Suche nach Gott, so kann der Zweifel auch aufkommen durch die Begegnung mit anderen Religionen.

Schutz vor Fundamentalismus: Zweifel am eigenen Glauben

Solange eine Glaubensgemeinschaft keinen Kontakt zu anderen Religionen hat, lässt sich die Frage nach der Wahrheit des eigenen Glaubens vielleicht noch umgehen. Dort aber, wo Menschen verschiedener Religionen zusammenleben, kann man dieser Frage nicht mehr ausweichen. Ein damit leider einhergehendes Verhalten ist immer wieder auch die Verfolgung Andersgläubiger und selbst innerhalb der eigenen Religion kennen wir aus Geschichte und Gegenwart das Phänomen der Religionskriege, mit denen versuchte wurde, die Wahrheitsfrage zu lösen. Als glaubender Mensch muss ich konstatieren, dass der Zweifel am eigenen Glauben vor einem solchen Fundamentalismus schützt. Auch wenn ich nicht den Zweifel nähren will, weder in mir noch im anderen, so gibt es doch den Moment, in dem der Zweifel am eigenen Glauben seinen Platz haben muss. Nämlich um den Glauben der anderen zu schützen, die Menschen und ihre Suche nach der Wahrheit. Es bleibt für den glaubenden Menschen eine andauernde Herausforderung, in seiner Suche nach dem göttlich Absoluten auch das, was er bereits gefunden zu haben meint, im Zweifel festzuhalten und gleichzeitig loszulassen. So bleibt der Glaubende ein Suchender und lässt auch dem anderen den Raum für dessen Suche. Suchen und Finden, Glauben und Zweifeln – sie gehen am besten Hand in Hand. Oder um es mit dem französischen Literaturnobelpreisträger André Gide zu sagen: “Glaube denen, die die Wahrheit suchen und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“

Schon im 19. Jahrhundert wies der Religionswissenschaftler Friedrich Max Müller darauf hin, dass wer nur eine Religion kennt, keine kennt. Wachsende religiöse Pluralität auf der einen und aktuell wachsende Nichtreligiosität auf der anderen Seite, können zu Abgrenzungsneigungen führen. Ich meine, sie könnten aber auch zu Erkenntnisgewinn führen - angesichts ähnlicher theologischer Fragen wie: Gibt es einen Gott? Wie ist er? Und: Wie erkenne ich ihn? Für das eigene Selbstverständnis und sogar für die Verkündigung des Glaubens kann es nur gut sein, wenn man weiß, dass es andere Religionen und Konfessionen gibt und wie man selber auf Andersdenkende wirkt.

Unglaublich, aber wahr?

Ein reifer Glaube wird also auch aufgrund des notwendigen Zweifels in den Stadien des Lebens eine Transformation durchlaufen haben. Wer auf diesem Weg Menschen trifft, die diesen Glauben nicht teilen oder kennen, der sollte nie vergessen, wie etwas wirkt, an das man sich über viele Jahre gewöhnt hat. In einer geschlossenen religiösen Gesellschaft gibt es diese Außensicht kaum. Angesichts von mehr als 30.000 Milliarden Sternen im Kosmos, dessen Alter auf 13,7 Milliarden Jahre geschätzt wird, muss ich zugestehen, dass mein Glaube an die Person Jesu als Sohn Gottes auf zweifelhaftem Fundament steht. Jemand, der sich hinter dem Universum einen Plan vorstellen kann, sogar dass da jemand ist, durch den alles ist, der muss deswegen noch nicht glauben, dass dieser Zimmermannssohn die alles entscheidende Figur gewesen sein soll, in der sich der hinter allem stehende Gott personalisiert hat. Zumindest, dass das unglaublich klingt, kann ich verstehen. Vom Physiker Stephen Hawking stammt diese Aussage:

„Sie denken an ein menschenähnliches Wesen, zu dem sie eine persönliche Beziehung unterhalten können. Eine Annahme, die höchst unwahrscheinlich ist, wenn sie sich die ungeheure Größe des Universums anschauen und bedenken, wie unbedeutend und zufällig menschliches Leben im Universum ist.“

Eine nicht leicht von der Hand zu weisende Aussage. Doch diese schier unbegreifliche zeitliche und räumliche Ausdehnung ist nicht allein entscheidend bei der Frage nach Gott. So sagt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq:

„Es ist schon etwas dran, dass mein Atheismus die Todesfälle in meiner Umgebung nicht überlebt.“

Lässt den Einen die Größe des Universums zweifeln an der Existenz eines Gottes, kommt der Andere ins Zweifeln angesichts der Sterblichkeit des Menschen, der letztlich nur ein Gott Einhalt gebieten kann. So kann alles, was ist, den Glauben an einen Gott nähren oder bezweifeln.

Option Glauben

Gottes Klientel sind die Sehnsüchtigen, die Suchenden, die Erlösungsbedürftigen. Sehnsüchtige kennen die Erfahrung von Defizit in ihrem Leben. Ihnen fehlt etwas, dass die Welt nicht geben kann und auf das die Naturwissenschaften eine Antwort schuldig bleiben, ja, die sie nicht geben können. Für die Sehnsüchtigen, die mehr suchen als das Sichtbare, stellt sich die Frage: Wo suche ich und was suche ich da?

Mit fortschreitenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Glaube Schritt für Schritt seine Notwendigkeit zur Erklärung der Welt verloren. Wissenschaft und Forschung liefern immer wieder Lösungen für Probleme des Lebens, für die früher die Religion dienlich war. Mit dieser Entmystifizierung verlor der Glaube für viele Menschen Schritt für Schritt an Bedeutung. Albert Camus sagte, dass er nicht an Gott glaube, aber dennoch kein Atheist sei. Er drückte damit aus, wie es wohl immer mehr Menschen heutzutage empfinden: In einem endlichen, scheinbar zufälligen und oft widersprüchlichen Leben ist der Glaube an einen Gott zwar etwas Zweifelhaftes, aber auch eine Möglichkeit, mit diesen Erfahrungen umzugehen. Auf dem Markt der Möglichkeiten ist mein Glaube an Jesus Christus als den Sohn Gottes inzwischen allerdings auch nur noch eine Option unter anderen. Von der Heilsgewissheit vergangener Tage ist auch bei mir ein bescheidener Glaube übriggeblieben. Wo dieser jedoch auf die Suchbewegung anderer Menschen trifft und sei es bei dem Atheisten nur das Gefühl, wie ihm Gott fehlt, da treffen sich alle Suchenden im Zweifel an der eigenen Position.

Glaube und Zweifel entwickeln sich

Mein Glaube hat sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu etwas höchst Zweifelhaftem entwickelt. In jungen Jahren war ich mir in Vielem sicherer und hatte eindeutigere Ansichten. Das Sprechen über Gott ist fragmentarischer geworden und das Glauben an ihn widersprüchlicher. Aber beides passt ganz gut in mein Leben, das mit und ohne Gott eine unerklärliche Komponente behält. Mit Gott klärt sich für mich noch lange nicht alles in der Welt und meinem Leben, aber für mich lebt es sich besser mit dem Glauben an ihn. Der Glaube erschöpft sich nicht in der intellektuellen Zustimmung zu einzelnen Glaubenssätzen. Er ist vielmehr ein ´Für-wahr-halten´ von etwas, das ich nicht sehe und ein ´Mich-fest-machen´ in einer Hoffnung, die sich nicht erschöpft im Irdischen. Mein Glaube gibt mir Antworten, aus denen doch immer wieder neue Fragen erwachsen. Er ist mir Hilfe und Erkenntnis, aber nicht das Ende meines Denkens. Er vollzieht sich in einer Gemeinschaft, lässt mich aber dennoch oft alleine zurück. Er kommt aus einer Vergangenheit mit großer Geschichte und langer Tradition, will aber in der Gegenwart gelebt werden und ist letztlich entscheidend für meine Zukunft, über meinen Tod hinaus. Er überflutet mich in manchen Momenten auf wunderbare Weise, verebbt aber auch immer wieder und lässt dürres Land zurück. Er wächst im Schenken an andere und durch das Schenken von anderen. Er versinkt in zweifelnden Anfragen und überlebt in kümmerlichen Antworten.

Meine Sterblichkeit macht mich erlösungsbedürftig. Erfahrene und zugefügte Schuld lässt auf Erlösung hoffen. Grenzen der Liebe erfüllen mich mit Erlösungssehnsucht. Ich weiß, um die Zweifelhaftigkeit meines Glaubens, aber für mich sind es die drei großen Erfahrungen des Lebens, die mich dennoch glauben lassen: Liebe, Tod und Sünde. Wo es diese Grenzen nicht mehr gibt, da beginnt der Himmel.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 01.12.2019 gesendet.


Über den Autor Thomas Frings

Thomas Frings wurde 1960 geboren. Er hat katholische Theologie, Kunstgeschichte und Archäologie studiert und wurde 1987 zum Priester geweiht. 25 Jahre lang war er Gemeindepfarrer, Dechant und Mitglied im Priesterrat der Diözese Münster sowie Leiter der Kunstkommission. Thomas Frings hat zahlreiche Bücher und Artikel veröffentlicht. Kontakt:
ThFrings@t-online.de

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