Wort zum Tage, 16.11.2019

von Pastoralreferentin Monika Tremel, Erlangen

Oberammergau

Seit März schon dürfen sie sich nicht mehr rasieren. Ihre Bärte sind bereits zottelig in die Länge gewachsen. Auch die Friseure haben Pause. Denn die Haare sollen lang sein, so wie die Natur sie vorgesehen hat. In einem heißen Sommer wie in diesem Jahr ist dies eine arge Strapaze. Heute genau in einem halben Jahr, beginnt die 42. Saison der Passionsspiele. Während wir eher schon Weihnachten im Blick haben, konzentrieren sich die meisten Oberammergauer bereits auf die Leidensgeschichte Jesu.

Seit dem Jahr 1634 wird die Passion Jesu alle 10 Jahre gespielt. Zurück geht sie auf ein Gelöbnis, das sich die Oberammergauer gegeben haben, als in dem Dorf die Pest wütete.

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde die Besetzung für 2020 in einem feierlichen Akt durch den Festspielleiter Christian Stückl bekannt gegeben. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Über Oberammergau hinaus wurde mit Spannung erwartet, wer für die Rolle von Jesus, von Petrus, Paulus oder von Maria vorgesehen ist. Denn Bewerberinnen und Bewerber gab es viele. Doch wer mitspielen möchte, muss entweder Oberammergauer von Geburt an sein, oder seit mindestens 20 Jahren im Ort leben.

Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es noch sehr strenge Regeln für die Teilnahme. So war es im Jahr 1984 noch undenkbar, dass verheiratete Frauen, oder gar Frauen über 35 Jahren mitspielten. Und wie sich die Zeiten doch ändern: denn diesmal wird die Rolle des Judas von einem Muslim gespielt: Cengiz Görür. Sein Großvater ist 1965 als Gastarbeiter aus der Türkei nach Oberbayern gekommen. Seitdem lebt die Familie in Oberammergau. Cengiz Görür erfüllt also die Voraussetzungen für die Teilnahme. Und er spielt eine der schwierigsten Rollen.

Christian Stückl sorgte mit dieser Entscheidung für eine wirkliche Sensation. Und er hat den Oberammergauern damit auch allerhand zugemutet. Ich finde, dass er mit dieser Entscheidung den Nagel des christlichen Glaubens auf den Kopf trifft. Denn: in seinem innersten Kern ist der christliche Glaube eine Kraft, die nicht spalten will. Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Jesus mit Traditionen seiner Zeit bricht, um nicht auszugrenzen sondern zu integrieren. Ich denke, in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft tief gespalten ist, in der viele Menschen in der Gefahr stehen, andere aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder Kultur ausschließen zu wollen, kann gerade der Blick auf Jesus und sein Beispiel eine versöhnende Kraft darstellen. Vielleicht sieht das auch Christian Stückl so. Ich bin jedenfalls schon jetzt gespannt auf seine Inszenierung der  Oberammergauer Passionsspiele im nächsten Jahr.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 16.11.2019 gesendet.


Über die Autorin Monika Tremel

Dr. Monika Tremel, Jahrgang 1967, ist Pastoralreferentin in der Erzdiözese Bamberg und derzeit tätig als weiblicher Part einer Doppelspitze in der "Offenen Tür Erlangen". Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Email: m.tremel@offene-tuer-erlangen.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche