Wort zum Tage, 14.11.2019

von Pastoralreferentin Monika Tremel, Erlangen

Gemeinwesen

Der heiße Sommer in diesem Jahr hat unseren heimischen Wäldern stark zugesetzt. Die Trockenheit, andauernde Hitze und Schädlinge, vor allem der Borkenkäfer sorgen dafür, dass viele Bäume unter starkem Stress stehen. Vom Waldsterben 2.0 sprechen daher schon die Experten. Dabei ist der Wald doch eine Klimaanlage für unsere Umgebung. Nicht nur global gesehen der Regenwald am Amazonas. Auch unsere heimischen Wälder sind Klimaretter. Ja, sie sind ein einzigartiges, unvergleichliches Ökosystem.

Wir Menschen sind Teil dieser Ökosysteme. Hierüber spricht auch der Förster Peter Wohlleben, der sein Revier in der Eifel hat. Er hat erstaunliche Dinge entdeckt. Seine Bücher darüber sind bei Kindern wie Erwachsenen ein Renner. Denn er gibt überraschende und völlig neue Einblicke in den Lebensraum des Waldes. Peter Wohlleben behauptet, dass die Bäume in gewisser Weise soziale Wesen sind, weil sie ihre Nahrung untereinander teilten. Wohlleben sagt: Die Bäume scheinen zu wissen, dass es gemeinsam besser geht. Dass sie nur zusammen der Kälte und Hitze trotzen können. Durch die Wurzeln, so Wohlleben, finde ein reger Austausch an Nährstoffen statt, sodass die starken Bäume den schwachen etwas abgäben. Ein alter Wald, so Peter Wohlleben, sei also wie ein gut funktionierendes Gemeinwesen. Doch eben dieses Gemeinwesen wird derzeit weltweit auf eine harte Probe gestellt. Die Bedrohung unserer Ökosysteme durch wirtschaftliche und politische Interessen stürzt den ganzen Planeten in eine Situation, in der es gilt, unseren Lebensraum zu verteidigen, das hat auch die kürzlich im Vatikan tagende Amazonassynode beschäftigt.

Wir Menschen nehmen uns ja gerne ein Beispiel an der Natur. Die Naturwissenschaften haben sich viele geniale Erfindungen von ihr abgeschaut. Wie etwa den Klettverschluss, oder das Echolot, oder die Stromlinienform von Flugzeugen. Wenn es stimmt, was Peter Wohlleben entdeckt hat, dann können wir uns vom Ökosystem Wald etwas für unser Zusammenleben abschauen, nämlich, dass es gemeinsam besser geht. Einer allein kann nicht überleben. Denn wir Menschen sind auf Gemeinschaft und Solidarität angewiesen. Dies übrigens ist ein uraltes Wissen der Völker des Amazonas-Regenwaldes. Sie haben gerade mit dem Blick auf das Zusammenspiel mit der Natur im Regenwald ihre Art des Lebens eingeübt. Ein gut funktionierendes Gemeinwesen Wald könnte auch uns deutlich machen: Wir hängen alle voneinander ab. Die Schwachen sind darauf angewiesen, dass die Starken sie schützen. Und nur gemeinsam können wir den Stürmen trotzen. Nur mit dem Blick auf die anderen können wir gemeinsam überleben. Ich finde, in einer Zeit, in der das große Ganze aus dem Blick gerät und viele ihre Eigeninteressen verfolgen, ist diese Sichtweise gar keine so schlechte Idee.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 14.11.2019 gesendet.


Über die Autorin Monika Tremel

Dr. Monika Tremel, Jahrgang 1967, ist Pastoralreferentin in der Erzdiözese Bamberg und derzeit tätig als weiblicher Part einer Doppelspitze in der "Offenen Tür Erlangen". Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Email: m.tremel@offene-tuer-erlangen.de

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