Morgenandacht, 09.11.2019

von Pater Norbert Cuypers SVD, Berlin

Weichenverschiebung

Als Kind war es mein sehnlichster Wunsch, eine eigene Modelleisenbahn zu haben. Tatsächlich haben mir meine Eltern diesen Wunsch erfüllt. Meine Freude war riesig, obwohl es sich anfangs nur um ein einfaches Starterset handelte. Eine Lok, drei Waggons und ein paar Schienen, die gerade mal ausreichten, eine ovale Strecke zu bauen. Das war alles. Für den Beginn genau richtig. Aber schon bald wurde es langweilig, den kleinen Zug immer nur im Kreis fahren zu lassen. Also machte ich mich mit meinem ersparten Taschengeld auf den Weg zum Spielzeuggeschäft, um mir weitere Schienen und vor allem Weichen zu kaufen. Damit bot sich mir die Möglichkeit, alternative Strecken zu bauen und selbst zu entscheiden, wann und wo meine Lok welche Strecke fährt. Es passierte dabei nicht selten, dass ich anfangs die Weichen nicht wirklich bis zum Anschlag stellte. Die Konsequenz daraus: Mein kleiner Zug entgleiste. 

Was im Kinderzimmer noch lustig und unterhaltsam sein kann, ist im wahren Leben schon eine echte Herausforderung. Für Menschen, die den Eindruck haben, dass sich ihr Leben immer nur im Kreis dreht, kann das auf Dauer sogar frustrierend sein. Für sie ist es an der Zeit, eine Weiche zu stellen, eine Entscheidung für eine Veränderung in ihrem Leben zu treffen. Wie oft mache auch ich im Alltag weiter, was ich einmal begonnen habe, nur weil es mir Sicherheit bietet und weil ich so Neues nicht wagen muss, das mir fremd vorkommt. In Momenten, in denen mir das bewusst wird, erinnere ich mich gerne an die Aussage eines Jesuiten, der mir einmal sagte: „Es gibt etwas in unserem Leben, das nicht zum Leben kommt, wenn wir so weiterleben, wie wir leben!“

Eigentlich gleicht unser ganzes Leben doch einem einzigen Streckennetz, auf dem wir uns immer wieder entscheiden müssen, ob wir bei nächster Gelegenheit die Kurve kriegen wollen oder sicherheitshalber weiter auf dem altbewährten Weg bleiben. Wer nicht entscheidet, lebt sein Leben aus zweiter Hand – aus der Hand dessen, der er oder sie einmal war, aber vielleicht gar nicht mehr ist. Wer wirklich weiterkommen möchte, wer als Mensch wachsen und reifen will, der muss irgendwann mal ausbrechen aus den alten Gleisen, der muss die Weichen mutig stellen für einen neuen Lebensabschnitt. Das kann auch Angst machen. Zu viele offene Möglichkeiten scheinen uns Menschen zu überfordern. Wir wissen weder, wie es weitergehen kann, noch, wo es eigentlich langgehen soll. Vor lauter Gleisen und Weichen sieht man die Wegstrecke nicht.

Trotzdem ist es wichtig, klare Entscheidungen zu treffen. Die Weiche halbherzig auf die Mitte zu stellen, weil man sich nicht entscheiden kann: das käme einer Katastrophe gleich. Der Zug des Lebens würde entgleisen. Ich meine darum: Es ist besser möglicherweise auch eine falsche Entscheidung zu treffen, als gar keine. Wohl deshalb sagt Jesus seinen Freunden im Matthäusevangelium: „Euer Ja sei ein Ja und euer Nein sei ein Nein.“ (Mt 5,37) Gleichzeitig aber macht er auch Mut, umzukehren, wenn man erkennt, dass man der falschen Spur folgt. Das kann mühsam sein und anstrengend, aber auch reizvoll und wichtig. Wobei das Wort „umkehren“ uns manchmal auf die falsche Fährte bringt. Es meint nämlich nicht unbedingt eine volle Kehrtwendung. Oft genügt es, eine Weiche zu verstellen, und schon geht es in eine andere Richtung: „Dein Lebenszug fährt in ein anderes Land – mit neuen Menschen, die neue Erfahrungen bringen“, so schreibt Ilse Pauls in einem Gedicht. „Nur eine kleine Weichenverschiebung – und neues Leben fängt an.“

Kaum ein anderes Datum, als das heutige macht das deutlich: Heute vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Friedlich wurde das geteilte Deutschland kurz darauf wieder vereint. Auch das war eine Weichenstellung der Geschichte, an die wir uns dankbar erinnern und daraus Mut schöpfen dürfen für die nächsten Veränderungen, die es in unserer Gesellschaft geben wird.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 09.11.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de

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