Morgenandacht, 07.11.2019

von Pater Norbert Cuypers SVD, Berlin

Goldstücke

Hin und wieder schütte ich das Kleingeld aus meinem Portemonnaie und schaue die Motive der verschiedenen Euro-Münzen an. Besonders gefreut hat mich neulich eine Münze, die den Kölner Dom zeigt. Die habe ich mir gleich mal beiseitegelegt. Ihr Motiv erinnert mich an meine Heimatstadt am Rhein. Münzen sind mehr als nur ein Zahlungsmittel. Sie erzählen oft eine Geschichte, erinnern an wichtige Persönlichkeiten, halten unser kulturelles Erbe in Erinnerung. Deshalb wird das Sammeln von Münzen nicht nur als Hobby, sondern auch aus wissenschaftlichem Interesse betrieben. Umso überraschter hat die Fachwelt aufgehorcht, als Papst Franziskus vor einiger Zeit bekanntgab, dass er auf vatikanischen Euro-Münzen sein Konterfei nicht mehr zu sehen wünsche. Bisher war es nämlich üblich, das Gesicht der Päpste auf den Münzen abzubilden. Doch nun ist auf den neuen Prägungen nur noch das päpstliche Wappen zu sehen.

Münzen zu prägen hat eine lange Tradition. Das macht über den Materialwert hinaus ihren eigentlichen Wert aus. Die Münze zeigt, woher sie stammt und welche legitime Autorität für ihren Wert bürgt. Zurzeit Jesu waren in Israel Münzen mit dem Bild des römischen Kaisers im Umlauf. Das Geld der verhassten Besatzungsmacht war das einzig legitime, wenn auch fremde Zahlungsmittel. Damit lag der Beweis auf der Hand: Geld regiert die Welt. Das war damals so, und das ist heute nicht anders. Geld zu besitzen bedeutet auch heute noch, Macht und Einfluss zu haben, sich vieles leisten zu können, unabhängig zu sein oder sich zumindest unabhängig zu fühlen. Denn nicht alles in dieser Welt ist käuflich.

Die christliche Spiritualität macht mich darauf aufmerksam, dass übertriebener Besitz unfrei und letztlich unglücklich machen kann. Papst Franziskus wird deshalb nicht müde, „Nein“ zu sagen zu einer Wirtschaft, die tötet. „Nein“ zu sagen zu Geld, das über Menschen regiert, statt ihnen zu dienen. Mit solchen Aussagen hat er sich in der Welt des Kapitalismus nicht sonderlich beliebt gemacht. Aber Franziskus weiß sich damit in guter Gesellschaft. Etwa mit Johannes Chrysostomos, einem berühmten christlichen Prediger aus dem 4. Jahrhundert: Er sagte: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“  Was damit gemeint ist, kann man an unserem Konsumverhalten sehen: wenn wir beispielsweise T-Shirts kaufen, die nur 5 Euro kosten, machen wir uns mitschuldig an den katastrophalen Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterinnen in ärmeren Ländern dieser Erde. Unser Wohlstand geht letztlich auch auf Kosten der Armen.

Wenn uns ein Mensch sehr wichtig geworden ist, sagen wir manchmal: „Er ist Gold wert“, oder auch: „Sie ist ein echtes Goldstück.“ Mir fallen spontan solch wertvolle Menschen ein, die mein Leben geprägt haben. Diese Menschen haben mein Leben wertvoll gemacht. Mir ist es wichtig, ihnen das immer wieder einmal zu sagen, weiß ich doch, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, sie um mich zu haben. Genau das tut der biblische Beter, wenn er darüber ins Staunen gerät, wie groß Gott vom Menschen denkt. In einem Psalm heißt es: „Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“ (Psalm 8, 6-7)

Wenn es stimmt, dass Gott groß von uns Menschen denkt und uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann ist doch wirklich jeder Mensch Gold wert, egal wo er lebt und was er leistet. Mich jedenfalls ermutigen die biblischen Aussagen dazu, die Würde und den Wert eines jeden Mitmenschen anzuerkennen. Sie helfen mir, Menschen mit Respekt zu begegnen und ihnen so zusprechen zu dürfen: „Du bist Gold wert! Du bist ein echtes Goldstück.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 07.11.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de

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