Morgenandacht, 06.11.2019

von Pater Norbert Cuypers SVD, Berlin

Weggedanken

„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.“ Je älter ich werde, je mehr bewegt mich diese Aussage von Søren Kierkegaard. Wenn ich in jungen Jahren geahnt hätte, was da alles im Laufe meines Lebens auf mich zukommen würde, hätte ich vielleicht nie den Mut gefunden, zu meinem Leben mit allen Höhen und Tiefen „Ja“ zu sagen. Aber bis heute gehe ich diesen meinen Lebensweg als Ordensmann sehr gerne. Das liegt wohl auch daran, dass mir viele Menschen begegnet sind, die mir in schweren Stunden geholfen haben. Konkret denke ich da an meine Freunde, die mich trösteten, als ich schwer erkrankte. Ich denke an die Menschen auf Papua Neuguinea, die mir eine ganz neue Sicht des christlichen Glaubens vorlebten und so mein Interesse an der Seelsorge weckten. Und ich denke auch an meine Mitbrüder im Orden, die mir Mut zusprachen, als ich das Studium der Theologie hinwerfen wollte.

Die Lebenswege von uns Menschen sind oft genauso unterschiedlich, wie die Wege, die wir im Alltag gehen müssen. Da gibt es den Wanderweg, den Weg zur Arbeit oder einen Schulweg. Selten führen sie stets geradeaus. Oft gibt es Wendungen und Umwege, mit denen man nicht gerechnet hat. Auch der ein oder andere Irrweg ist dabei. Manchmal gehen wir diese Wege allein, verlaufen uns sogar und stolpern und stürzen. Dann fühlen wir uns vielleicht einsam und verlassen. Ein andermal gehen wir unsere Wege in Gemeinschaft, zusammen mit Menschen, die wir lieben. Sowohl die schweren, als auch die leichten Wege: sie alle zusammen sind ein Sinnbild unseres Lebensweges. In einem ihrer Lieder singt die italienische Popdiva Milva: „Wenn du hinfällst steh wieder auf. Es gibt halt solche Tage. Und wenn Wege nicht weiterführ'n, dann denk dir neue aus. Und wenn's sein muss lass dich halt von den Träumen tragen. Immer weiter Richtung Morgen und noch darüber hinaus.“

Das erinnert mich an das Leben eines guten Freundes von mir. Lange Zeit lief es rund im Beruf und im Privatleben. Als ihn aber nach langen Jahren seine Partnerin wegen eines anderen Mannes verließ, rutschte mein Freund in eine tiefe Krise, aus der er sich selbst erst einmal nicht befreien konnte. Immer häufiger ertränkte er seinen Schmerz im Alkohol und so kam es, wie es kommen musste: erst verlor er viele seiner sozialen Kontakte, dann seine Arbeit. Hätten seine Eltern und ein paar enge Freunde nicht zu ihm gestanden, hätte er auch seine Wohnung verloren und wäre wohl am Ende in der Gosse gelandet. Das war keine leichte Zeit: für ihn nicht, aber auch nicht für jene, die ihm beistanden. Es brauchte viel Mut und Willenskraft meines Freundes, sich gegen das letzte Abrutschen in die Alkoholsucht zu wehren. Seit über zehn Jahren ist er nun „trocken“ - wie er das nennt - arbeitet wieder in seinem gelernten Beruf und lebt in einer neuen Beziehung, die ihm Liebe und Halt schenkt.

Ich habe große Hochachtung vor ihm. Er kann heute offen und ehrlich von seiner Alkoholkrankheit sprechen und dass, obwohl unsere Gesellschaft die Menschen, die an ihr leiden, immer noch stigmatisiert. Mein Freund ist aus dieser Krise gestärkt hervorgegangen und daran gereift. Für mich ist er ein sehr wichtiger Mensch, dem auch ich offen von meinem Stolpern im Leben, von meinem Fallen und Wieder-Aufstehen erzählen kann.

Von Theodor Heuss ist der Satz überliefert: „Es ist keine Schande, hinzufallen, aber es ist eine Schande einfach liegenzubleiben.“ Damit sie dazu die Kraft bekamen, haben die Menschen der Bibel, so, wie übrigens auch mein Freund, ihren Lebensweg immer wieder Gott anvertraut. Zwei Verse aus Psalm 25, einem biblischen Gebet, sind mir in meinem Leben in diesem Zusammenhang sehr wichtig geworden:
„Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade! Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heiles. Auf dich hoffe ich allezeit.“ (Ps 25,4-5)

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 06.11.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de

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