Morgenandacht, 05.11.2019

von Pater Norbert Cuypers SVD, Berlin

Schlüsselerlebnisse

Weil es mir während der Fahrt mit dem Bus langweilig war, fing ich an, mit meinem Schlüsselbund zu spielen. Mir fiel auf, wie unterschiedlich die Schlüssel sind: der für die Haustür ist viel größer, als der, den ich für das Fahrradschloss brauche. Und der Schlüssel für meinen Schreibtisch hat eine ganz andere Form, als der, mit dem ich am Morgen die Kirche aufschließen muss. Ein Schlüssel, so sinnierte ich vor mich hin, ist ja erst einmal nichts anderes, als ein einfaches Metallstück, für das ich mich eigentlich nicht bücken würde, wenn es auf der Straße liegt. Und doch wäre ich ganz schön verloren, wenn ich meinen Schlüssel fürs Auto, fürs Büro oder für die Wohnung nicht mehr finden würde. Das kennen Sie doch auch, oder?

Wer den passenden Schlüssel besitzt, entscheidet, wer, wann und wo hereinkommen kann und wem die entsprechende Tür verschlossen bleibt. Genau diese „Schlüsselgewalt“  spricht Jesus einem seiner besten Freunde zu: „Ich will dir die Schlüssel zu Gottes neuer Welt geben“, sagt Jesus zu Petrus. Nachzulesen im Matthäusevangelium der Bibel. „Was du hier auf der Erde für verbindlich erklären wirst, das soll auch im Himmel verbindlich sein. Und was du auf Erden für nicht verbindlich erklären wirst, das soll auch im Himmel nicht verbindlich sein.“ (Mt 16,19).

Was für eine Autorität, die Jesus hier dem Petrus zusagt! Aber auch: was für eine Verantwortung! Denken wir nur daran, wem das Petrusamt, wem die Kirche im Laufe der Geschichte die Tür schon alles zugesperrt hat und damit in gewisser Hinsicht von der Gemeinschaft „ausgeschlossen“.

Aber wie sieht das denn in meinem persönlichen Leben aus? Wie „aufgeschlossen“ zeige ich mich politischen oder kirchlichen Veränderungen gegenüber? Wie steht es um meine Beziehung zu den Fremden in unserem Land? Dürfen sie alle zu uns gehören oder schließe ich sie im Alltag in irgendeiner Weise aus? Ich bin zutiefst davon überzeugt: ob das gesellschaftliche Miteinander in unserem Land auch in Zukunft friedlich und harmonisch gelingt, liegt schließlich auch an mir selbst und wie offen oder eben „verschlossen“ ich meinen Mitmenschen begegne; wie ich auf andere Meinungen und Vorstellungen vom Leben reagiere.

Noch ein anderer Gedanke bewegt mich in diesem Zusammenhang: Jetzt, in den Wochen des Herbstes gehe ich gern durch den nahe gelegenen Wald mit seinen goldgefärbten Laubbäumen spazieren. Wenn ich das Wechselspiel von Werden und Vergehen in der Natur sehe, dann denke ich darüber nach, ob ich in meinem Leben geschehen lassen kann, was unvermeidlich ist. Ob ich offen und bereit bin, loszulassen, was vergänglich ist. Ganz existenziell bewegt mich das besonders dann, wenn mich mein Weg auf den Friedhof zu den Gräbern meiner verstorbenen Eltern führt. Es ist mir ein Anliegen, immer wieder einmal ein Blumengesteck oder auch eine Kerze auf ihr Grab zu stellen. Mögen Vater und Mutter schon lange verstorben sein: ihre Liebe, die sie mir geschenkt haben, ihre Werte, die sie mir vorgelebt und weitergegeben haben, leben in mir und in gewissem Maße auch durch mich weiter. Ich denke dann, dass sie ihr Leben nicht umsonst gelebt haben und dass mit ihrem Tod nicht alles von ihnen verloren gegangen sein kann. Das ist mir wichtig und das tröstet mich. Dann ahne ich, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Das ist doch die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth.

Solche Momente sind dann wie ein Schlüssel. Denn sie öffnen mir eine Tür, die mich über das irdische Leben hinaus führt und mir eine Weite eröffnet, die meinem Leben einen tieferen Sinn erschließt. Ich glaube: Wer sich wie Petrus für die Botschaft Jesu von einem Leben nach dem Tod öffnet, der hält wirklich die Schlüssel in der Hand. Denn der kann sein Leben aus dieser Hoffnung heraus immer wieder neu gestalten.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 05.11.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de

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