Morgenandacht, 18.11.2019

von Prälat Gerhard Stanke, Fulda

Nicht mutig

„Die Mutigen wissen, dass sie nicht auferstehen, dass kein Fleisch um sie wächst am jüngsten Morgen, dass sie sich nicht mehr erinnern, niemandem wieder begegnen, dass nichts ihrer wartet, keine Seligkeit, keine Folter.“

Dieser Text stammt von der Dichterin Marie Luise Kaschnitz. Sie wurde mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet und war Gastdozentin an der Universität in Frankfurt. 1974 ist sie in Rom gestorben. “Ich bin nicht mutig“. So schließt die Autorin den soeben von mir zitierten Text ab.

Davor beschreibt sie die Mutigen näher. Diese verstehen sich als Realisten und schauen dem Gedanken, dass für sie mit dem Tod alles aus ist, mutig ins Auge. Sie trösten sich nicht mit der Hoffnung auf ein mögliches Jenseits. Sie brauchen auch keine Angst zu haben, dass sie dann zur Rechenschaft gezogen werden. Für sie ist mit dem Tod alles vorbei.

Auf ein Leben nach dem Tod zu hoffen – das überlassen die Realisten den vermeintlich Ängstlichen. Marie Luise Kaschnitz gesteht, sie sei nicht so mutig, sich damit abzufinden, dass mit dem Tod alles aus ist. „Ich bin nicht mutig“, schreibt sie.

Auch der Nobelpreisträger Dario Fo spricht über sein Verhältnis zum Tod. Fo ist 2016 90-jährig gestorben. In einem Interviewbuch mit dem Titel: „Dario e Dio – Dario und Gott“, sagt er über den Tod: „Ich laufe ihm nicht nach, er soll sich ruhig Zeit lassen, aber ich fürchte ihn auch nicht“.

Die Idee eines ewigen Lebens ist ihm fremd. Er schreibt: „Wir werden zu Staub, sagt mir der Verstand. “Aber die Phantasie, die Grille, die Torheit“ lassen andere Visionen aufkommen. Welche? „Ich hoffe, ich werde überrascht“, liest man bei ihm.

Der Verstand sagt ihm: Alles ist aus mit dem Tod. Aber dann ist da doch die Sehnsucht, dass nicht alles einfach vorbei sein möge. Ein Gedanke, den Dario Fo wahrscheinlich nicht ernst nimmt, aber der sich doch immer wieder bei ihm meldet: „Ich hoffe, ich werde überrascht“, sagt er.

Und ich?

Ich glaube, dass er überrascht worden ist.

Immer wieder begegne ich Menschen, die mit der Überzeugung leben, dass mit dem Tod alles aus ist und sie erwecken den Eindruck, dass sie ganz gut damit leben können. Dann ist ja alles vorbei und sie spüren nichts mehr.

Manche werden nachdenklich, wenn ich ein Wort zitiere, das ich vor einiger Zeit gehört habe, nämlich: „Was interessiert, ist nicht mein oder dein Tod, sondern der Tod derjenigen, die wir lieben.“ Denn dann tritt der Tod ja schon in das Leben, während wir noch da sind. Es ist dann nicht mein Tod, aber doch das schmerzliche Ende einer Liebesgeschichte. Damit kann sich der Lebende auch schwer abfinden und sucht Trost in dem Gedanken, mit dem geliebten Menschen über das Endliche hinaus verbunden zu bleiben. Und das ist wenig genug im Vergleich zu dem, was er mit dem geliebten Menschen erlebt hat. Aber es ist ein Trost!

Die Liebe kann sich also offensichtlich mit dem Tod nicht abfinden. Der Protest gegen ein absolutes Ende, der sich in der Liebe meldet, hat Recht. Die Hoffnung bleibt. Und diese Hoffnung wird bestätigt durch ein Wort Jesu. Er sagt zu einer Frau, die um ihren Bruder trauert: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25 ff.) Jesus hat selbst erfahren, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod. Gott hat ihn in ein neues Leben gerufen. Die Verheißung Jesu gilt allen Menschen: Der Tod ist nicht das Ende. In ihm geschieht die Verwandlung in ein neues Leben!

Mit dem Tod als endgültiges Ende kann sich die Liebe nicht abfinden! Sie ist es, die alles überwindet…

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 18.11.2019 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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