Feiertag, 10.11.2019

von Harald Schwillus, Halle (Saale)

"Des Menschen Tage sind wie Gras." Wie das Heidekraut auf den Gräbern an Tod und Leben erinnert

Der November ist der Monat des Totengedenkens. Die Gestaltung der Gräber war zu allen Zeiten ein Gradmesser, wie die Gesellschaft mit dem Tod und der Hoffnung auf ein ewiges Leben für die Verstorbenen umgeht. Eine typische Grabpflanze mit tiefer Symbolik ist dabei das Heidekraut – die Blume des Jahres 2019.

Letzte Woche habe ich morgens auf dem Weg zur Arbeit zum ersten Mal den Nebel zwischen den Häusern bewusst wahrgenommen. Nass und kühl fühlte sich das an – der November ist da. Mein Weg zum Büro führt auch an einigen Blumenläden vorbei. Ich freue mich dort den ganzen Sommer lang über die vielen farbenprächtigen Blumen, die auf den Regalen vor den Geschäften stehen. Ihren Platz hat jetzt eine etwas bescheidenere Pflanze eingenommen, die aber dennoch sehr schön ist: das Heidekraut mit Blüten in unterschiedlichen Farben. Dieses Kraut ist eine beliebte Grabbepflanzung im zu Ende gehenden Jahr; die Besenheide ist zudem die Blume des Jahres 2019.

Auch ich kaufe gerne Heidekraut, um es vor dem 1. November, dem Allerheiligentag, zu den Gräbern zu bringen. Ich finde, es passt ganz gut zum kühlen November, einem Monat, der die Gedanken auch um Leben und Tod kreisen lässt: um die vielen Verstorbenen in den Gräbern, um Vergänglichkeit und Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus.

Das individuelle Bepflanzen der Gräber mit Blumen und anderen Gewächsen ist ein schöner Brauch, der aber noch gar nicht so alt ist. Das Mittelalter kannte ihn nicht.

Das Heidekraut gehört zum November

Das Heidekraut gehört für mich zur Grabbepflanzung an Allerheiligen einfach dazu. Besonders schön finde ich eine Mischung aus roten und weißen Blüten.

Es gibt aber unzählige verschiedene Arten von Heidekraut, von denen einige auch Erika genannt werden – nach dem griechischen Wort für ‚Heide‘: ‚ereike‘. Eine von ihnen ist die Besenheide. Sie wurde von der „Loki-Schmidt-Stiftung“ in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Umweltsenator zur Blume des Jahres 2019 gekürt. Die Stiftung möchte damit darauf aufmerksam machen, dass die Besenheide mit ihren lila-roten Blüten eine in der freien Natur gefährdete Pflanze ist. Ihr Lebensraum wird immer kleiner, da sich derzeit alte Kulturlandschaften in Deutschland verändern; und das nicht nur in der Lüneburger Heide. Überdüngung und zurückgehende Weidewirtschaft machen der Heide schwer zu schaffen. Deshalb setzt sich die Loki-Schmidt-Stiftung dieses Jahr besonders für die Erhaltung der Heidelandschaften ein.

Diese Gefährdung ihres natürlichen Umfeldes tut der Beliebtheit der Heide als Grabbepflanzung jedoch keinen Abbruch. Schön sieht sie aus, die Heide, auf dem Grab neben dem rotflimmernden Kerzenlicht in der vor dem Wind schützenden Laterne. Grün ist sie und hat viele zarte rote und weiße Blüten. Das Heidekraut ist eine sehr verbreitete Grabpflanze. So zart wie Gras ist sie und blüht auch bei nasskaltem Wetter mit ihren vielen kleinen Blüten. Sie trotzt Kälte und Dunkelheit der kalten Jahreszeit. Sie passt für mich daher gut in das Novembergrau und in eine Zeit des Nachdenkens über unser Werden und Vergehen.

In der Bibel ist nicht selten vom Kraut, vom Gras, die Rede, wenn von der Vergänglichkeit des Menschen gesprochen wird. Psalm 103 spricht diese Wirklichkeit sehr direkt, aber dennoch tröstlich, aus:

„Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt,*
so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.
Denn er weiß, was wir für Gebilde sind,*
er bedenkt, dass wir Staub sind.
Wie Gras sind die Tage des Menschen,*
er blüht wie die Blume des Feldes.
Fährt der Wind darüber, ist sie dahin;*
der Ort, wo sie stand, weiß nichts mehr von ihr.
Doch die Huld des HERRN währt immer und ewig für alle, die ihn fürchten.*
Seine Gerechtigkeit erfahren noch Kinder und Enkel […]“
(Psalm 103,13-17)

Tiefe Symbolik: Farbtupfer auf den Gräbern

Von dieser Huld des Herrn redet auch der biblische Prophet Jesaja, wenn er Gott wie eine Mutter tröstende Worte sprechen lässt und das Bild des frischen grünen Grases verwendet, das den Tod überwindet:

„Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, / so tröste ich euch; / in Jerusalem findet ihr Trost.
Ihr werdet das sehen und euer Herz wird jubeln / und eure Knochen werden sprossen wie frisches Grün.“

(Jesaja 66,13+14)

Das Heidekraut ist eine beliebte Friedhofspflanze für den Herbst und den beginnenden Winter. Passt sie doch mit ihrem zarten Grün, den zurückhaltenden roten und weißen Blüten gut zur Stimmung von Allerheiligen und Allerseelen. Mit ihren Farbtupfern macht sie die entlaubten Bäume vergessen. Diese Stimmung hat der Schriftsteller Reinhold Schneider in einem seiner Gedichte gut eingefangen:

„Heilige Schwermut, da trüber
Und tiefer die Sonne kreist,
Und von den Toten herüber

Vernehmlich redet der Geist,
Und jedes Blatt, wie zur Flamme

Unsterblichen Lebens verzehrt,
Schmerzlos gleitend vom Stamme

Den großen Frieden mehrt!
Schwer wandelt die Nacht durch den Schlummer,

Da Gram sich mit Gram bespricht,
Bis endlich den wogenden Kummer

Zögern begnadet das Licht.
Wer wird die Vergessenen lohnen?

Die Gräber sind alle allein.
Aber der Heiligen Kronen

Schimmern im Nebelschein.“
(1)

Friedhöfe sahen einmal ganz anders aus

Immer wenn ich dieses Gedicht Reinhold Schneiders lese, entsteht vor meinem inneren Auge ein Friedhofsbild mit Rasenflächen, Bäumen und einzelnen Grabstätten, die meist liebevoll mit jahreszeitlich wechselnder Bepflanzung gepflegt werden. Jetzt im Herbst sind Pflanzen an der Reihe, die die stärker werdende Kälte besser vertragen – wie eben auch das Heidekraut. So kennen wir die Friedhöfe hier in Mitteleuropa. Doch erst seit etwa 200 Jahren ist dies ihr typischer Anblick.

Über Jahrhunderte hinweg sahen sie anders aus. Da gab es zum einen die Friedhöfe der Klöster. Auf dem St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert ist einer eingezeichnet. Er ist zugleich eine Wiese mit Obstbäumen.

In der christlichen Überlieferung hat der Baum auf den Friedhöfen eine ganz besondere Bedeutung. Er erinnert an die Bäume der Erkenntnis und des Lebens im Paradies und zugleich an das Holz des Kreuzes, an dem Jesus starb. Dieses Holz wird in den christlichen Erzählungen mit dem Baum des Lebens identifiziert. So wird das Kreuz selbst zum Baum des Lebens und zum Baum der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Im Friedhofsgarten eines mittelalterlichen Klosters wächst zwischen den Obstbäumen Gras – das Kraut, das an die Vergänglichkeit des Menschen erinnert. Die Bäume dagegen weisen auf die Hoffnung auf neues Leben hin, auf ein Leben, das aus dem Tod erwächst und Früchte trägt.

Das Heidekraut auf den Gräbern der mir nahestehenden Verstorbenen erinnert mit seinen unzähligen roten und weißen Blüten ebenfalls an diesen Zusammenhang von Leben und Tod, von Sterben und der Hoffnung auf die Auferstehung. Rot sind die einen Blüten wie das Blut Jesu, das er bei seinem Leiden und Sterben vergossen hat, und weiß sind die anderen: sie erinnern an das weiße Gewand des Engels im Markusevangelium, der die Auferstehung Jesu Christi im leeren Grab bezeugte.

Luther bemängelte die „wenig besinnlichen“ Friedhöfe

Ganz anders als die Friedhöfe der Klöster waren in Mittelalter und früher Neuzeit die Friedhöfe in den Städten und Dörfern wenig besinnliche Orte. Die einzelnen Gräber waren keine Stätten intensiver Grabpflege – und schon gar nicht Stätten einer wechselnden Bepflanzung mit Blumen und anderen Schmuckgewächsen. Die Gräber lagen planlos nebeneinander und erinnerten nur hie und da mit einfachen Holzkreuzen an die Verstorbenen. Viel wichtiger als die Grabpflege war den Menschen des Mittelalters die gottesdienstliche Sorge um das Seelenheil ihrer Toten.

Seit dem 16. Jahrhundert stießen sich aber immer mehr Menschen an den Verhältnissen auf den Friedhöfen. So beklagte auch Martin Luther 1527 diesen Zustand:

„Aber unser Kirchhof, was ist er? Vier oder fünf Gassen und zwei oder drei Märkte sind es, so dass es keinen öffentlicheren und unstilleren Ort in der ganzen Stadt gibt als eben den Kirchhof, wo man täglich, ja Tag und Nacht darüber läuft, und das sowohl Menschen als auch Vieh: Jeder hat von seinem Hause aus eine Tür und eine Gasse, die darauf führt, und es geschieht auf ihm allerlei, vielleicht auch solche Dinge, über die man nicht spricht. Dadurch wird dann die Andacht und Ehrfurcht, die den Begräbnissen gebührt, ganz und gar zunichte. Jeder hält nicht mehr davon, als wenn er über einen Schindanger liefe […]. Und man sollte doch lauter Andacht schöpfen, den Tod und die Auferstehung bedenken und auf die Heiligen, die da liegen, Rücksicht nehmen. Aber wie kann man das an einem öffentlichen Ort, über den jeder laufen muss und der vor jeder Tür offen daliegt. Wenn der Begräbnisort überhaupt in Ehren stehen soll, so wollte ich lieber in Elbe oder im Walde liegen. Aber wenn das Begräbnis draußen an einem abgesonderten, stillen Ort, wo niemand durch- noch darüber hinliefe, läge, so wäre es geistlich, ehrbar und heilig anzusehen und könnte auch so hergerichtet werden, dass er die, die darauf gehen wollen, zur Andacht reizte.“ (2)

Über Jahrhunderte hinweg war der Kirchhof, auf dem die Toten begraben wurden, zugleich eine Weidefläche für das Vieh oder diente anderen landwirtschaftlichen Zwecken. Pfarrer, Küster oder Lehrer durften ihn auf diese Weise nutzen, um ihr Einkommen aufzubessern. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde diese jahrhundertealte Tradition immer mehr verboten; aber erst am Ende jenes Jahrhunderts begann der Brauch, die einzelnen Gräber auch individuell zu bepflanzen. Aus dem Kirchhof mit landwirtschaftlicher Nutzung entstand so um 1900 herum ein reiner Zierfriedhof. Die damals rasch anwachsende Produktion von Blumen und Ziersträuchern machte das alles erst möglich. In diesem Zusammenhang dürfte dann auch das Heidekraut seinen Weg auf die Gräber gefunden haben.

Das Heidekraut erinnert an die Helden

Die Bepflanzung auf unseren Friedhöfen richtet sich seit dem frühen 20. Jahrhundert häufig nach der Jahreszeit. Die Blumen, Gräser und Stauden werden sicherlich auch unter diesem Gesichtspunkt ausgesucht. Dennoch sind mit vielen Pflanzen unterschiedliche Symbolvorstellungen verbunden. Dies gilt auch für das Heidekraut. In alten Überlieferungen und Sagen wird das rot blühende Heidekraut mit dem Tod von Kämpfern und Helden der Vorzeit verbunden. Es erinnert – so geht die Sage – an das auf den Schlachtfeldern vergossene Blut der Heroen, die in den Hünengräbern der Heidelandschaften ruhen. Die rote Farbe des Heidekrauts steht in einem solchen Zusammenhang aus christlicher Perspektive jedoch für den Tod Jesu Christi, für den ‚Helden‘, der sich für die Seinen geopfert hat. Er hat sich durch sein Handeln und sein Sterben am Kreuz ganz den Menschen und ihrer Erlösung zugewandt. Nach christlicher Überzeugung hat damit Gott selbst als Mensch den Tod erlitten, um Hoffnung auf Zukunft für alle zu eröffnen. Für Christinnen und Christen ist dies kein Ereignis der Vergangenheit, sondern eine tagtägliche Gewissheit: Gott ist bei uns! Und dies gibt die Kraft, im eigenen Lebensumfeld im Sinne Jesu Christi zu handeln.

Das Heidekraut auf den Gräbern erhält auf diese Weise eine weitere Bedeutung. Es erinnert auch an die vielen Helden des Alltags, die anders als die sagenumwobenen Heroen der Vorzeit nicht mit blutigen Händen im Kampf stehen, sondern durch ihr Handeln einen Beitrag dafür leisten, dass die Welt hier und jetzt ein bisschen besser wird. Solche Heldinnen und Helden des Alltags gibt es mehr als man zunächst meint.  Sie ruhen auch auf unseren Friedhöfen in den Gräbern; und sie haben dort einen Ort und einen Namen – und die Menschen, denen sie geholfen haben, können sie wiederfinden und sich an sie erinnern. Und vielleicht bringt der eine oder die andere zu Allerheiligen oder Allerseelen auch Heidekraut mit.

Mit diesen Heldinnen und Helden des Alltags, den Local Heroes, beschäftigt sich ein Projekt der Universität Passau, das sie ans Licht holt und öffentlich vorstellt. Ein Beispiel von sehr vielen sind dabei die Mitglieder des ehrenamtlichen Dolmetscherteams „SOS in Passau“. Sie alle leisten im Ernstfall Übersetzungshilfe für Menschen, die wenig oder gar nicht deutsch sprechen können. Zu dieser Gruppe gehören 28 Personen: Lehrerinnen und Lehrer, Pfarrer, Gerichtsdolmetscher, eine Fremdsprachenkorrespondentin und Menschen, deren Wurzeln in europäischen Nachbarländern liegen. Insgesamt decken sie elf Sprachen ab. Auf der Homepage der Universität Passau ist ihr Anliegen so zusammengefasst:

„Menschen aller Herren Länder halten sich regelmäßig in der Europastadt Passau auf. Sie machen Urlaub oder arbeiten dort. Genauso werden sie aber auch plötzlich krank, erleiden einen Unfall oder werden in Straftaten verwickelt. Wenn dann noch Verständigungsschwierigkeiten hinzukommen, ist das Leid umso größer. Hier leistet das Team von ‚SOS in Passau‘ schnell und kostenlos Hilfe. Ehrenamtliche Dolmetscher übersetzen bei Notfällen in elf verschiedene Sprachen.

‚Gefragt sind vor allem die slawischen Sprachen‘, berichtet Rudolf Brust, der seit 30 Jahren die Freiwilligentruppe zusammenhält und immer wieder neue Übersetzer für den ehrenamtlichen Dienst anwirbt. ‚Wir hatten aber auch schon mal Chinesisch, Arabisch, Finnisch oder Schwedisch im Programm‘, erzählt der 83-jährige. Das handliche Faltblatt mit den Namen und Telefonnummern aller Dolmetscher verteilt er regelmäßig an die Mitarbeiter vieler Stellen, mit denen Ausländer bei Notsituationen in Kontakt kommen können – von der Tankstelle und der Autowerkstatt über Ämter und Polizei bis hin zum Klinikum. So können diese schnell Hilfe für ihre Patienten, Klienten oder Kunden holen.“ (3)

Es bleibt das Vertrauen: „Der Vater erbarmt sich seiner Kinder“

Das Heidekraut auf den Friedhöfen erinnert mit seinem satten Grün und seinen zarten Blüten an die Hoffnung auf ein Leben, das den Tod überwindet. Christinnen und Christen vertrauen darauf.

Zu Allerheiligen und Allerseelen ist das Heidekraut aber zugleich ein schönes Zeichen für alle die bereits verstorbenen Heldinnen und Helden des Alltags, die Local Heroes, die in den Gräbern begraben liegen und das Leben der Menschen reicher gemacht haben.

Und so gilt in diesen nebelverhangenen Novembertagen mit Psalm 103:

„Des Menschen Tage sind wie Gras.“– aber eben auch:
„Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, *

so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.
Denn er weiß, was wir für Gebilde sind, *

er bedenkt, dass wir Staub sind.“ 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

Zitate:
(1) Reinhold Schneider: Allerheiligen – Allerseelen, in: Jürgen Engler (Hg.), Und in der Nacht ein Licht. Hundert Trost-Gedichte, Aufbau-Verlag, Berlin 2010, 16.

(2) Reiner Sörries: Ruhe Sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, 23.

(3) Von Internetseite: https://www.uni-passau.de/local-heroes/artikel/janotta-zuzana/ (zuletzt abgerufen: 27.10.2019)


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Dieser Beitrag wurde am 10.11.2019 gesendet.


Über den Autor Harald Schwillus

Harald Schwillus, geboren 1962, ist seit 2005 Professor für katholische Religionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Kontakt
Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Franckeplatz 1/Haus 31
06110 Halle (Saale)
harald.schwillus@kaththeol.uni-halle.de

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