Wort zum Tage, 30.10.2019

von Dompropst Reinhold Pfafferodt, Magdeburg

Frauenkirche

Im Treppenhaus unseres Pfarrhauses hängt ein großer Bauplan der Dresdener Frauenkirche. Jemand hatte mir diesen Gesamtschnitt geschenkt. Er wusste, dass ich mich für Kirchbauten interessiere und Bauzeichnungen lesen kann, so machte er mir damit eine große Freude.

Denn: Das Besondere an dieser Bauzeichnung ist, dass sichtbar wird, in welchen Bereichen besonders viele Originalsteine verwendet wurden. Mit den Originalsteinen meine ich die Reste aus dem großen Trümmerhaufen, der sechs Jahrzehnte lang in der Dresdener Altstadt als Mahnmal des Krieges und der Zerstörung zu sehen war, an der Stelle, wo die Frauenkirche stand. Schließlich wuchs an dieser Stelle wieder die Frauenkirche. Neuerrichtet in der alten Pracht.

Heute vor 14 Jahren, am Vorabend des Reformationstages, wurde der Barockbau aus dem 18. Jahrhundert wieder eingeweiht. Damals kamen weit über 1000 Gäste zur Einweihung. Was in den letzten Kriegsmonaten des zweiten Weltkrieges in Schutt und Asche stürzte und über lange Jahre ein Trümmerfeld war, wurde wieder ein Gotteshaus.  Seitdem ist die Frauenkirche auf dem Neumarkt ein Besuchermagnet. Täglich kommen Touristen aus dem In- und Ausland, um diese Kirche zu sehen.

Wenn mittags um 12 Uhr die Glocke zum Gebet ruft, dann halten viele Menschen inne. Touristen, die immer noch in Scharen die Frauenkirche besuchen, Passanten, die zufällig vorbeikommen und einige, die sich in der Mittagsstunde Zeit für ein Gebet nehmen.

Für mich sind diese Mittagsgebete wichtig und eine willkommene Auszeit mitten im Tag. In der Kirche geht mein Blick nach oben in die weite Kuppel. Orgelklänge erreichen nicht nur meine Ohren, sondern auch mein Herz. Das Wort aus der Bibel, das verlesen wird, macht mich oft nachdenklich und die Gebete, die dann in der Frauenkirche gesprochen werden, erinnern an den Frieden, der in unserer Welt so gefährdet ist.

Für mich passt das gerade an diesem Ort alles wunderbar zusammen: Die vielen Menschen, die hier in der Mitte des Tages innehalten und die Kirche bestaunen – sie werden in dem Moment der Stille, des Hörens auf die Worte der Prediger wie die vielen Steine der Kirche zusammengefügt zu einer großen Gemeinde. Gemeinsam ist ihnen: Der Wunsch nach Frieden und einer menschlichen Zukunft für alle Völker und Nationen. Und jede und jeder spürt: Eine Zerstörung wie damals darf es nie wiedergeben.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 30.10.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Reinhold Pfafferodt

Reinhold Pfafferodt ist Dompropst im Bistum Magdeburg. Zugleich ist er Pfarrer an der Kathedrale St. Sebastian in Magdeburg. Die Priesterweihe erhielt er 1977. Reinhold Pfafferodt war von 2002 bis 2005 Generalvikar im Bistum Magdeburg, seit 2005 ist er Dompropst.

Kontakt:
dompropst@kathedralpfarrei-sebastian.de

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