32. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Bonifatius, Böhmfeld


Predigt von Pfarrer Anton Schatz

Liebe Schwestern und Brüder,

ich gehe gern über den Friedhof meiner Heimatstadt, lese Inschriften und Namen, erinnere mich an Gesichter und Begegnungen. Ich lasse die Gestaltung auf mich wirken, Pflanzen, abgelegte Gegenstände…; hin und wieder sinniere ich über die Botschaften mancher Grabsteine.

Eine Grabstätte hebt sich von allen anderen ab: Am Grab seiner Mutter hat ein Mann zwei Tafeln anbringen lassen: „Gebet und Opfer sind nutzlos!“ steht auf der einen, und auf der anderen: „Verliere keine Zeit durch Gebete!“

Gekennzeichnet als Zitate von Aristoteles und Ovid.

Provozierend! Ist mein Beten sinn- und wertlos? Gerade an diesem speziellen Ort, wo so unendlich viel gebetet wird für die lieben Verstorbenen, über alle Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg?! Sind mein Gebet und meine Hoffnung auf ewiges Leben nur Vertröstung – um die harte Realität des Todes leichter wegstecken zu können? 

Im Evangelium steht Jesus genau derselben Provokation gegenüber. Ausnahmsweise duellieren sich nicht die Pharisäer mit ihm, sondern die Gruppe der Sadduzäer. Diese Leute vertreten zwar den Gottesglauben des Volkes Israel dabei aber unmissverständlich die Ansicht: Nach dem Tod kommt absolut nichts mehr, Aus und Ende und Amen!

Um das zu untermauern, konstruieren sie den haarsträubenden Fall mit der kinderlosen Witwe: Nach jüdischem Recht muss der Bruder ihres verstorbenen Mannes sie zur Frau nehmen; der stirbt auch, und so geht’s weiter, in „Serienabfertigung“, sieben an der Zahl…

So – und wer soll nun im Jenseits ihr Gatte sein? fragen sie spöttisch; es kann doch nicht sein, dass sie in deinem Himmel sieben Männer haben darf – das wäre ja gegen unser Gesetz, und damit auch gegen Gott, von dem unser Gesetz ja stammt… Also – was nun?

Um eine ernsthafte Diskussion geht es den Sadduzäern hier gar nicht; im Grund wollen sie nur ihr Gegenüber lächerlich machen.

Umso erstaunlicher ist, dass Jesus sich auf dieses Spiel einlässt!

Zunächst stellt er klar: Im Himmel wird gar nicht geheiratet!

Heißt: Ewiges Leben dürft ihr nicht so sehen wie in dem Filmklassiker vom Brandner-Kasper, wo alles Irdische eins zu eins nach oben versetzt und dort in Goldfarbe getaucht wird. – Und dann schlägt er sie mit ihren eigenen Waffen. Dazu zitiert er eine zentrale Stelle des Alten Testaments, die Begegnung von Gott und Mose am Brennenden Dornbusch, wo Gott seinen Namen offenbart: Ich bin Jahwe, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs…. Moment mal! sagt Jesus zu seinen Gegnern: Diese drei, Abraham, Isaak und Jakob, waren da doch längst tot, die haben schon Jahrhunderte vor Mose gelebt! Wenn Gott sich jetzt dennoch als deren Gott bezeichnet – dann müssen sie für ihn doch existieren! Er kann doch kein Gott von jemand sein, den´s gar nicht gibt!

Schlussfolgerung: Wenn es zu dem Zeitpunkt immer noch ihr Gott ist, dann muss es die drei noch geben – wo immer! Wir haben keinen Gott von Toten, sondern von Lebenden!

Unseren Ohren klingt solches Argumentieren fremd; doch solche Streitgespräche waren eine Spezialität der Rabbinen: Ziel war es, mit Hilfe von Schriftworten den Gegner zu widerlegen und die eigene Lehrmeinung zu festigen.

Jesus allerdings geht es um weit mehr als einen „Beweis“ für die Auferstehung. Was ewiges, bleibendes Leben ist, möchte er erfahrbar machen. Das tut er in seinen Begegnungen, wenn er heilt, Ausgestoßene wieder eingliedert, vergibt…

Auf alle mögliche Weise werden Menschen durch ihn auf-gerichtet, und sehen in diesem Auf-stehen einen Vorgeschmack auf das, was Auferstehung einst sein wird.

Einen Hauch von Auferstehung durften vor kurzem auch viele von Ihnen wieder spüren: als Sie an Allerheiligen/Allerseelen die Gräber Ihrer Lieben besucht haben. Da steht man dann dort, schweigend oder mit einem stillen Gebet, man lässt Erinnerungen aufsteigen, zündet ein Licht an, stellt Blumen hin, gibt Weihwasser – Symbole des Lebens! Es sind heilige Augenblicke, in denen Sie eine ganz tiefe Verbundenheit mit dem Verstorbenen spüren, selbst wenn dieser schon viele Jahre tot ist.

Diese Verbundenheit erlebe ich persönlich auf besondere Weise an einem besonderen Ort. Vor 20 Jahren habe ich einen schweren Unfall überlebt, der durch die Medien ging, die Brandkatastrophe im österreichischen Tauerntunnel. Fast jedes Jahr fahre ich dorthin und gehe hinauf zur Autobahnkapelle. Da hängt an der Außenwand eine Gedenktafel mit den Namen der 12 Personen, die damals um mich herum ums Leben kamen. Ich kenne sie längst auswendig. Für sie, die ich nie gekannt habe, bete ich still und merke dabei, wie nahe sie mir stehen: Unbekannte, die mir zu Freunden geworden sind!

In der Gedenkfeier vor ein paar Monaten habe ich in der Ansprache gesagt: Sollte ich einmal in den Himmel kommen, dann bin ich gespannt, dort nicht nur meine Eltern und Verwandten wieder zu sehen – sondern auch diese 12 Leute kennen zu lernen, sozusagen von Angesicht zu Angesicht, wie´s im Hochgebet der Heiligen Messe heißt.

Dass ich das so empfinde, ist sicherlich kein Beweis für ein Leben über den Tod hinaus. Es ist aber auch nicht einfach Selbsttäuschung, Illusion – sondern mein persönliches Erleben, meine Erfahrung, meine Beziehung und vielleicht ist das wertvoller als ein mathematisch gesicherter Beweis. Jedenfalls möchte ich dem Sadduzäer – dem von damals wie dem von heute – zurufen:

Du darfst gerne mein Glauben und Beten hinterfragen; aber stell auch dein eigenes Denken auf den Prüfstand! Es wäre schade, wenn dir so etwas Schönes und Wertvolles entginge: der Gott der Lebenden!

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 10.11.2019 gesendet.





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