Morgenandacht, 26.10.2019

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Winnetou darf nicht sterben

Nicht dass Sie glauben, ich wüsste mit meiner Zeit nichts Vernünftiges anzufangen...  Aber nach einer komplizierteren Schulter-OP war ich wochenlang ruhig gestellt und hatte tatsächlich viel zu viel Zeit. Und habe unter anderem mit großem Vergnügen alte Karl May Filme im Fernsehen gesehen, Kindheitserinnerungen aufgefrischt. Ach wie theatralisch da Pierre Brice als Winnetou in den Armen seines treuen Old Shatterhand gestorben ist. Und im Buch, da hat er sich sogar noch als Christ geoutet, nachzulesen in Winnetou 3 auf Seite 304. Und da ich ja viel Zeit hatte, habe ich noch ein wenig weiter recherchiert.

Zwei Dinge sind nach Winnetous Filmtod  damals passiert. Die Jugendzeitschrift Bravo begann die Kampagne  „Winnetou darf nicht sterben“. Und dem Schauspieler Rick Battaglia, der als Schurke  „Rollins“ Winnetou erschießen musste, wurde das sehr übel genommen. Jahrelang  war er nur noch der Mann „der Winnetou erschossen hatte“. In Deutschland bekam er kein Bein mehr auf den Boden. Er war der Judas, der den Erlöser verraten hatte. Aber dazu später…

Vor 4 Jahren ist der Film-Winnetou Pierre Brice gestorben. Übrigens gerade mal zwei Monate nach seinem  Film-Mörder Rick Battaglia. Und für seine Deutsche Fangemeinde hatte Pierre Brice eine gute Nachricht  hinterlassen: „Meine ewigen Jagdgründe liegen in Deutschland“. Boah, das geht runter wie Öl. Hier bei uns war er ja auch bekannt wie ein bunter Hund. Winnetou und Old Shatterhand waren Identifikationsfiguren. Die Deutschen waren auf der Suche, damals in den 1960er Jahren. Der Krieg hatte die Ideale geraubt, Freunde auf der Welt waren rar. Und da üben zwei edle, über alle menschlichen Zweifel erhabene Männer, Winnetou und Old Shatterhand,  Völker- und Rassenverständigung. Und einer davon ist sogar noch ein großer, blonder Deutscher. Karl May hat ja in Old Shatterhand sich selbst gesehen.

Als Kind hatte ich ein Poster. Der edle Winnetou auf seinem edlen Rappen Iltschi sitzend, die Hand weit ausgestreckt zur segnenden, Frieden verheißenden Geste. Wenn wir’s jetzt doch sehen könnten!  Wie Jesus in der Bergpredigt, nur ohne Pferd. Tatsächlich fehlt nur der schüttere Bart, dann wäre der Winnetou des Pierre Brice der perfekte Jesus auf dem Handtuchbild  über dem Bett meiner Großmutter. Zölibatär lebte er ja auch. Er würde mühelos in die Auferstehung aus dem Isenheimer Altar passen. Und würde man ihm den edlen Hengst unter dem Sattel weg ziehen und einen Esel unter schieben, er könnte am Palmsonntag problemlos in Jerusalem einziehen. Wie gerne würde ich mit ihm die Friedenspfeife rauchen, Blutsbrüder- und schwesternschaft schließen mit allen Menschen guten Willens. Aber die Welt ist schlecht, und an Stelle eines Messias vom Stamme der Apatschen finde ich viele  Anti-Messiasse. Vorbilder wie die vom Stamme Greta, die sind rar gesät. Und die Welt ist leider viel komplizierter, als dass Winnetou mit seiner Silberbüchse Ordnung schaffen könnte. Aber schön wär’s doch, oder?  Und träumen darf man doch auch heute, und auch im zarten Alter von  62 noch. Wie haben wir Freunde des neuen geistlichen Liedes damals gesungen: „Wenn einer alleine träumt, dann ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“

Nun denn, so lasst uns weiter  träumen, meine roten, weißen,  gelben, braunen und  schwarzen  Brüder und Schwestern. Lasst uns mit Winnetou in den Sonnenuntergang reiten,  träumen von und arbeiten an einer besseren Welt, hoffen auf ein Wiedersehen in den ewigen Jagdgründen des großen Manitu. Und lasst uns noch einmal Karl May zitieren:  
„Was soll ich weiter erzählen? Die wahre Trauer liebt die Worte nicht! Käme doch bald die Zeit, in der man solche blutigen Geschichten nur noch als alte Sagen kennt!“ (Karl May, Winnetou 3, Bamberg 1962, S. 304)

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 26.10.2019 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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