Morgenandacht, 25.10.2019

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Ein Stück Himmel

„Wenn etwas Spaß macht, dann wird damit eine Tätigkeit beschrieben, die gerne gemacht wird, die -meist nachhaltig- Freude bereitet.“ Das schreibt Wikipedia. Ich habe nachgeschaut, denn ich bin an einem Satz des Erzbischofs von Canterbury hängen geblieben. Der sagt: „Die Leute sollen auch Spaß haben können in unseren Kathedralen.“ Für mich persönlich würde das bedeuten, dass Spaß in der Kirche meist etwas mit Musik zu tun gehabt hat. Vor allem, wenn ich selber mit dem Chor  gesungen habe. Oder als Jugendlicher mit der Band gespielt. Gut, ob das damals auch den Gottesdienstbesuchern Spaß gemacht hat, weiß ich nicht. Uns hat es auf jeden Fall Spaß gemacht. Aber was ist mit den Unmusikalischen? Wie bekommen die Spaß?

Vor einiger Zeit hat man in der Kathedrale von Rochester in England einen kostenlosen 9 Loch Minigolfplatz im Kirchenschiff aufgebaut. Und in Norwich sollte eine spiralförmige Rutschbahn die Gelegenheit bieten, die Kathedrale ganz neu zu erleben. Ob das alles wirklich dazu dient, Spaß in die Kirche zu bringen, das lasse ich mal dahin gestellt. Auf jeden Fall ist die Grundannahme richtig. Kirche muss auch Spaß machen. Spaß bedeutet Freude am Leben. Und diese Freude zu geben und zu fördern, das ist sicher eine der wichtigsten Aufgaben von Kirche. Steuern kann man das natürlich nicht, weder mit Rutschbahnen noch kostenlosem Eis essen oder anderen Events. Denn: Manchmal kommt Freude auf, wenn man gar nicht damit rechnet.

Das wohl berühmteste Beispiel für einen solchen Spaßausbruch hat gerade 50. Geburtstag gefeiert und fand –leider- nicht in einer Kirche sondern auf einem Feld im amerikanischen Bundesstaat New York statt. Am Ende des Woodstock Festivals geht der Farmer, dessen Acker gerade in Grund und Boden gefeiert worden ist, auf die Bühne und sagt: „Ich glaube, ihr habt der Welt etwas bewiesen. Nämlich, dass eine halbe Million Leute zusammenkommen kann um drei Tage lang Spaß und Musik zu erleben. Und zwar nur dafür. Gott segne euch.“  Er hat sich wohl von diesem unglaublichen Gemeinschaftsgefühl anstecken lassen, das dieses Festival so einzigartig gemacht hat. Einer fasst das so zusammen: „Ich wollte nicht weg. Wir hatten für drei Tage die Welt verändert, die Zeit angehalten, und wir wussten, dass uns draußen der Kulturschock treffen würde.“ 

Ja so ist das, wenn die Welt plötzlich für einen Moment heil und ganz ist, wenn einfach alles stimmt, wenn man nichts mehr braucht, um glücklich zu sein. Ich glaube, viele von denen, die dabei waren, zehren im wahrsten Sinne des Wortes noch heute davon. Wenn die Welt mal wieder ganz anders ist als damals auf dem Feld in Amerika. Ich war zwar nicht in Woodstock, aber solche Glücksmomente kenne ich auch. Da scheint die Zeit stehen zu bleiben, weil einfach alles gut ist. Es gibt  Momente im Leben, die sind wie der Himmel auf Erden.  Kurz und kostbar. Die muss man dann fest halten, tief im Herzen, als Vorrat für später. Und ich habe tatsächlich doch noch ein Beispiel für  „Spaß in der Kirche“ zu bieten. Es ist schon lange her, 1975, ich war 18 Jahre alt und bei einem großen Jugendtreffen der katholischen Jugend in Trier dabei. Eigentlich wollte ich nicht zum Abschlussgottesdienst in den Dom gehen. Zum Glück habe ich es dann doch getan. Was ich dort erlebt habe war Spaß und Freude pur. Nicht geplant oder verordnet, es geschah einfach. Woodstock im Trierer Dom mit Musik von und mit Peter Janssens. Es wurde gesungen, geklatscht, gelacht und getanzt. Der Dom war rappelvoll, überall saßen junge Leute, in den Gängen, auf den Altarstufen, einfach überall. Der alte Bischof Bernhard Stein musste sich den Weg zum Lesepult durch die Menge bahnen und wurde auf den Wogen jugendlicher Begeisterung davon getragen.

Beschreiben kann man das nicht, man muss dabei gewesen sein. Für mich war das ein ganz wichtiges Erlebnis von Kirche, das mich sehr geprägt hat. Vielleicht kennen Sie so etwas ja auch. Dann vergessen Sie ja nicht, was Sie da erlebt haben. Denn  jeder braucht so ein Stückchen Himmel, denn dann lässt es sich hier auf der Erde besser leben.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 25.10.2019 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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