Morgenandacht, 24.10.2019

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Walking act

Jetzt Ende Oktober ist sie leider vorbei – die Zeit nämlich, in der es die Menschen nach draußen zieht. Vor allem an den Wochenenden konnte der interessierte Bürger auf Straßen und Plätzen ungeniert seinen Voyeurismus ausleben. „Leute Gucken“ war angesagt. Ich gebe es zu, es gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, in der Stadt zu sitzen und mich still am Anblick der Menschen zu erfreuen, die da so in mein Blickfeld geraten. Wer schon mal Straßentheatergruppen beobachtet hat, der kennt vielleicht den Begriff der „walking acts“. Das sind Schauspieler, Comedians oder Musiker, die Straßen und Plätze als ihre Bühne nutzen. Hier zeigen sie ihre Kunststücke, gehen dann drei Ecken weiter und fangen von vorn an.

Ich brauche mittlerweile gar keine Straßentheatertage mehr, um immer wieder neue „walking acts“ zu entdecken. Für mich sind die normalen, oder sagen wir mal die fast normalen Menschen, die mir da an einem schönen Sommertag entgegen kommen, schon  „walking act“ genug. Oft frage ich mich: „Wo sind die eigentlich sonst die ganze Zeit? Wo verstecken die sich das ganze Jahr über?“ Der Mittsechziger mit Bierbauch und Hawaiihemd  und seine Partnerin mit den lila Strähnen im Haar, beide braungebrannt. Oder dieses Pärchen, beide kaum 1,60 groß, Händchen haltend im Gleichschritt. Beide vom lieben Gott nicht gerade mit Schönheit gesegnet – aber jeder Topf findet ja sein Deckelchen. Da sind die, die ihre kunstvollen Tätowierungen ausgiebig zur Schau stellen. Oder die beiden jungen Männer mit den verspiegelten Sonnenbrillen und den messerscharf gescheitelten Haaren – ob die zusammen gehören oder einfach nur so gemeinsam unterwegs sind? Der Typ mit den roten Turnschuhen, den grünen Shorts und dem gelben Hemd, der ist sicher Single und hat die Balzklamotten ausgepackt. Ob er damit Erfolg hat? Ich wage es zu bezweifeln.

So laufe ich durch die Stadt, pflege meine Urteile und Vorurteile und habe meine stille Freude daran, wie bunt und unterschiedlich die Spezies Mensch so unterwegs ist. Meine Frau schaut allerdings skeptisch, als ich zu Hause nach dem Strohhut greife, den ich mir mittlerweile ungeniert aufsetze, wenn ich in die Sonne muss. Ein 1,96 großer, dünner Mann mit Bart, runder Brille und Strohhut. „Du siehst mit diesem Ding auf dem Kopf immer aus wie eine Spitzwegfigur“, meint sie. Carl Spitzweg ist der Maler, der in der Biedermeierzeit diese schrulligen Gestalten wie den „armen Poeten“ in Öl festgehalten hat. „Jetzt brauchst du nur noch einen Köcher, dann kannst du als Schmetterlingssammler durch die Gegend ziehen“, sagt meine Frau und geht demonstrativ zwei Schritte hinter mir durch die Stadt.

Sind wir, bin ich jetzt auch ein „walking act“, an dem die tausend anderen Zuschauer im Sonntagnachmittagstheater ihre Freude haben? Wahrscheinlich. Und warum auch nicht. Wäre ja auch schade, wenn wir alle nur als graue Mäuse rumliefen, gleich groß und gleich schwer wären. Aber zum Glück gibt es die kleinen Dicken, die langen Dünnen, die Blassen und die Braungebrannten, die grauen Mäuse und die Paradiesvögel. Gemeinsam haben wir eins: wir sind alle Kinder Gottes. Und wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann sind wir sogar sein Ebenbild.

Ob ER im Himmel ab und zu ein Hawaiihemd trägt? Oder einen Strohhut? Und vielleicht, aber auch wirklich nur vielleicht, hat er sich heimlich an einer verdeckten Stelle ein kleines Tattoo stechen lassen, möglicherweise eine Taube. Und den weißen Bart hat er sich im hippen Barbierladen „Nur für Männer“ modisch stutzen lassen. Aber wahrscheinlich ist das ja alles Quatsch und er sitzt einfach nur neben mir im Eiscafé und freut sich an dem, was er geschaffen hat.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 24.10.2019 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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