Morgenandacht, 04.11.2019

von Pater Norbert Cuypers SVD, Berlin

Kleiderfrage

„Was ziehe ich heute bloß an?“ Das ist entgegen der Klischees keine Frage, die sich nur Frauen stellen würden. Auch Männer wissen: Bei der Hochzeit der Tochter z.B. will man anders angezogen sein als auf dem Weg ins Fußballstadion. Zum Begräbnis zieht man sich anders an, als im Urlaub. Für viele unserer Feiern gibt es einen bestimmten Dresscode. Unsere Kleidung sendet den Mitmenschen damit eine Botschaft. Sagt etwas aus über unser Zugehörigkeitsgefühl. Das Kopftuch im Islam, die Kutte im Kloster, die Uniform der Polizei: die Kleidung ist weit mehr, als nur ein Schutz vor dem schlechten Wetter. Sie verrät etwas über die innere Einstellung eines Menschen, über seinen Stand oder seine Rolle in der Gesellschaft. Deshalb hat der Volksmund schon recht, wenn er behauptet: „Kleider machen Leute.“ 

Aber vielleicht stimmt ja auch der Zusatz des österreichischen Aphoristikers Ernst Ferstl. Er sagt: „Kleider machen Leute. Aber zum Glück noch keine Menschen.“ Dazu gehört in der Tat mehr. Jorge Mario Bergoglio ist dafür ein gutes Beispiel. Als der gebürtige Argentinier vor über sechs Jahren zum Papst gewählt wurde, erschien er auf der Loggia des Petersdomes zur Überraschung vieler in einer einfachen, weißen Soutane. Die breite, brokatbesetzte Stola ließ er genauso weg wie das goldene Brustkreuz seiner Vorgänger. In der Ankleidekammer neben der Sixtinischen Kapelle soll Franziskus dem Zeremonienmeister, der ihn mit einer roten Mozetta, einem besonderen Schulterüberwurf, ausstatten wollte, gesagt haben, dass er sie gerne selbst anziehen könne, denn der Karneval sei schließlich vorüber.

Verbürgt ist dieses Gespräch nicht. Doch diese Episode passt zu dem Mann vom anderen Ende der Welt, den die Kardinäle zum Bischof von Rom gewählt haben. Viele Menschen beeindruckt das bis heute. Der Regisseur Wim Wenders ist einer davon. Im vergangenen Jahr hat er einen beeindruckenden Film über das Oberhaupt der katholischen Kirche gedreht. Auf den Filmfestspielen in Cannes fand er große Beachtung. In einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur meinte Wenders, dass für Papst Franziskus alle Menschen die gleiche Würde haben. Das spüre jeder, der ihm begegne. Wenders ist beeindruckt, dass Franziskus lebt, was er sagt.

Laut dem Evangelisten Markus griff Jesus die Schriftgelehrten an, die sich gerne in langen Gewändern zeigten und bei jedem Festmahl auf die Ehrenplätze zusteuerten. Er warf ihnen Heuchelei, Habgier und Ehrgeiz vor. Und dann warnt Jesus seine Zuhörer, es ihnen gleichzutun, denn nicht das Äußere zählt vor Gott, sondern die innere Haltung eines Menschen. Statt sich vom Auftreten anderer beeindrucken und blenden zu lassen, soll man auf das Wesentliche schauen. So lenkt Jesus den Blick auf eine arme Witwe im Tempel, die zwei kleine Münzen in den Opferkasten wirft. Diese einfache Frau, die sicher nicht edel gekleidet war, wird von Jesus gelobt. Weil sie bereit ist, ihr „letztes Hemd“ für Gott und den Nächsten zu geben, kann sie sich sehen lassen, meint Jesus.

Ich habe das Gefühl, dass in meinem Lebensumfeld immer mehr Menschen spüren möchten, dass ihnen ihr Gegenüber echt und authentisch begegnet. Dazu gehört für sie weniger das gestylte Aussehen. Auch das pseudo-professionelle Auftreten im Beruf kommt immer weniger bei ihnen an, denn sie spüren allzu schnell, dass der Mitmensch eigentlich ganz anders ist, als er vorgibt zu sein. Authentisch zu leben ist nicht einfach, selbst dann nicht, wenn man es für sich als wertvoll entdeckt hat. Es gehört wohl eine gute Portion gesundes Selbstwertgefühl dazu, eine kritische Selbstreflektion und ein Leben aus den eigenen Werten und Überzeugungen. Ich persönlich glaube, dass die Impulse, die mir Jesus von Nazareth in der Bibel anbietet, eine große Hilfe dabei sein können. 
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 04.11.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de

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