Morgenandacht, 23.10.2019

von Wolfgang Drießen, Saarbrücken

Es wird wieder Zeit

Ich werde mehr und mehr ein Gefühl nicht mehr los: Ich glaube, ich muss mir wieder die Haare lang wachsen lassen. Und wenn das nicht reicht, dann nehme ich eine Woche Urlaub und leg mich ins Bett.

Warum? Weil Amerika aus dem Abrüstungsabkommen mit Russland ausgestiegen ist. Weil die Amerikaner angekündigt haben, neuartige, kleinere Atomwaffen zu entwickeln. Weil in Russland angeblich superschlaue Waffen gebaut werden, die nicht bekämpft werden können. Weil der chinesische Volkskongress eine Steigerung des Militäretats beschlossen hat. Weil in Nordkorea eifrig an atomaren Langstreckenwaffen gebastelt wird.  Und und und…

Es wird wieder Zeit, sich die Haare wachsen zu lassen und ernsthaft für den Frieden und gegen Rüstung zu demonstrieren. Oder sich eine Woche ins Bett zu legen. Das hat so nämlich vor ziemlich genau 50 Jahren John Lennon von den Beatles gemacht. Damals, 1969, da war der Vietnamkrieg auf seinem Höhepunkt und die kalten Krieger in Ost und West rüsteten fleißig auf. Da sagt Lennon: "Wenn Hitler und Churchill im Bett geblieben wären, wären heute noch viele Menschen am Leben." Und er  legt sich eine Woche lang ins Bett. Um für den Frieden zu demonstrieren. Und während die kalten Krieger mit den Säbeln rasseln, liegen John Lennon und seine Frau Yoko Ono in der Präsidentensuite des Amsterdamer Hilton Hotels unter der Decke und halten Hof für zahllose Journalisten. Am Fenster hängen zwei Plakate mit der Aufschrift – sinngemäß übersetzt: „Haare für den Frieden“ und „Ein Bett für den Frieden“.

In seinem Lied "The Ballad of John and Yoko" hat Lennon das "Bed-in" in einigen Zeilen verewigt: "Haben eine Woche im Bett geredet, die Medienleute fragten: Hey, was macht Ihr da? Ich sagte, wir wollen nur ein bisschen Frieden für uns schaffen."

John Lennon und Yoko Ono waren zu dieser Zeit wohl das schillerndste und bekannteste Paar der Welt. Und ihre „Eine-Woche-im-Bett-Aktion“ deshalb auch ein Megaerfolg. Kurzum veranstaltete das frisch vermählte Paar zwei Monate später ein weiteres Bed-in. Amerika hatte die Einreise verweigert, offiziell wegen einer Verurteilung aufgrund Drogenbesitzes. Deshalb legten sie sich auch in Montreal in Kanada ins Bett. Ohne Flitterwochen, dafür mit Partys. Auf einer davon, am 1. Juni 1969, entstand die Aufnahme des Friedenssongs "Give Peace A Chance". Dank der Filmaufnahmen kann man auch heute noch dabei sein.

Für mich ist das ein einzigartiges Zeitdokument. Eine ganze Generation ist mit diesem Lied nicht unbedingt ins Bett, aber auf die Straße gegangen. John Lennon ging es darum, der Welt und vor allem der Jugend und denen, die für Frieden und gegen Gewalt protestieren wollen, eine Botschaft zu übermitteln. Ihm war klar: Auf intellektueller Ebene sind alle für den Frieden. Jeder redet vom Frieden, aber keiner tut etwas dafür. Mit diesem Bett-Happening zeigten er und Yoko den Leuten, was man alles machen kann, um zu protestieren. Man kann sich die Haare für den Frieden wachsen lassen oder auf eine Woche Urlaub für den Frieden verzichten. Auf jeden Fall lässt sich Frieden nur mit friedlichen Mitteln erreichen. Das Establishment mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen, erkannten sie als Fehler. Aber mit Humor, mit friedlichem Humor können sie nicht umgehen. Das war ihre Botschaft.

50 Jahre ist das her. Sich für den Frieden einzusetzen, das ist noch genau so aktuell und notwendig wie damals. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wer aber glaubt, dass es einfach, kuschelig und warm ist, wenn man sich für den Frieden ins Bett legt, der täuscht sich. John Lennon hat das in der Ballade von John und Yoko geahnt. Da singt er: „Christus, du weißt, das Leben ist nicht einfach, du weißt wie hart es sein kann. So wie die Dinge laufen, werden sie mich kreuzigen“.

Im Dezember 1980 ist John Lennon auf offener Straße erschossen worden. „All we are saying is give peace a chance.“ Es wird wieder Zeit, sich die Haare wachsen zu lassen.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 23.10.2019 gesendet.


Über den Autor Wolfgang Drießen

Wolfgang Drießen ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er beim SWF in Baden-Baden sowie im „Theologenkurs" (1984) im Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Seit 1986 arbeitet Drießen in der Rundfunkarbeit des Bistums Trier in Saarbrücken, seit 1997 ist er der Rundfunkbeauftragte beim SR. In seinen Sendungen versucht er, Mut zum Leben zu geben und Gott als den zu suchen, in dessen Hand man sich fallen lassen kann, wenn es nötig ist.

Kontakt
(0681) 9068 241
rundfunkarbeit.sr@bistum-trier.de
  

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