30. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Peter und Paul, Groß Ammensleben


Predigt von Pfarrer Winfried Runge

Liebe Schwestern und Brüder,

im heutigen Evangelium vermittelt Jesus seinen Hörern eine recht eindeutige Botschaft: Hütet euch davor, euch über eure Schwester oder euren Bruder moralisch zu erheben und zu meinen, ihr seid etwas Besseres. Stattdessen wird die Haltung der Demut empfohlen.

Hier – im Osten Deutschlands - ist die gut 200-jährige moderne Religions- und Kirchenkritik in der überwiegend atheistisch erzogenen Bevölkerung tief verwurzelt. Daher bekommt man hier auch oft zu hören: Christen sind auch keine besseren Menschen. Und wer möchte da angesichts der offenbar gewordenen Missbrauchsfälle - gerade auch in der Kirche - widersprechen.

Manch einer rettet sich dann in die Formel: Christen sind nicht besser, aber besser dran.

Versucht man diesen Satz positiv zu deuten, dann will er vielleicht sagen: Wir definieren uns eben nicht nur und nicht zuerst über unsere Leistung. Wir glauben an einen liebenden und barmherzigen Gott. Und diese Botschaft gilt nicht nur einem exklusiven Zirkel von Eingeweihten und Erwählten, sondern sie gilt der ganzen Schöpfung. Und dies mit anderen zu teilen ist unser Anliegen, und nicht der Versuch, die Besseren sein zu wollen.

Hat aber Verkündigung hier eine Chance?

Hat Mission eine Chance, selbst wenn sie gewaltfrei, vom Evangelium inspiriert daherkommt?

„Wir sind Gesandte an Christi statt.“

Der heutige Weltmissionssonntag lenkt unseren Blick nach Nordostindien. „Ja, wir sind gesandt“, sagen die Christen dort. So, wie die drei jungen Frauen, die uns vom diesjährigen Aktionsplakat anlachen. Wo sie leben, war Missionaren der Zutritt lange Zeit streng verboten. Ohne den Mut ihrer Vorfahren ha?tten sie die Frohe Botschaft Jesu Christi vielleicht nie kennengelernt. Damals hatten junge Leute, die nach ihrer Ausbildung in die unwegsame Bergregion zuruückgekehrt waren, den Glauben geteilt, den sie auf der Schule kennengelernt hatten.

Und wie sieht es bei uns aus – im Missionsgebiet Sachsen-Anhalt? Welche Wege gehen wir, das Zeugnis unseres Glaubens weiterzugeben?

Lassen wir uns einige Beispiele erzählen:

Christiane Neumann:
Ich bin Christine Neumann und pastorale Mitarbeiterin in unserer Pfarrei. Ich finde, allen Menschen die Botschaft vom Reich Gottes verkünden zu dürfen, ist die schönste Aufgabe, die wir haben können!

In unserer Pfarrei, in der ich nun tätig bin, biete ich einmal in der Woche einen Kleinkinderkreis an. Hier darf ich ebenso mit Kindern und deren Familien leben, mit ihnen das Kirchenjahr aufblättern und entdecken. Ich frage nicht, bist du getauft oder nicht. Jeder ist willkommen! Und so sagte mir mal eine junge Mutter nach dem Zusammensein: „Es tut mir gut, mein Kind zu erleben - wie es sich freut, wenn wir zu singen beginnen. Wenn die Kerze, die du als Zeichen für Jesus weitergibst, von Hand zu Hand, von Kind zu Kind geht und es ganz ruhig wird und alle ganz gespannt sind, was wir uns erzählen werden.

Ich bin zwar nicht getauft und kann nicht so recht glauben. Doch ich merke, irgendetwas ist da dran. Meinem Kind tut es jedenfalls gut. Ebenso das Ritual zum Abschluss, wenn für den Tag ein Dankeschön ausgesprochen wird und jeder ein Kreuzzeichen auf die Stirn bekommt mit den Worten: ‚Bleib behütet‘ oder ‚Jesu hat dich lieb‘.“

So freue ich mich mit den Kindern und Familien, dass doch ein gutes Gefühl wächst oder hin und wieder auch mehr. Einfach zusammenleben und über unseren Glauben reden, uns die Geschichten erzählen, die uns die Bibel schenkt. Dazu möchte ich ermuntern. Es tut gut und macht etwas mit mir!

Christine Rauwolf:
Ich bin Christine Rauwolf, Lehrerin an der St. Hildegard-Grundschule Haldensleben. 65 % unserer Schülerinnen und Schüler sind konfessionslos. Wie wirken wir als aktive Katholiken in der Schulgemeinschaft? Wie wirken wir in der Schulgemeinschaft als Gesandte an Christi statt?

Die Kinder erfahren den christlichen Glauben täglich auf bewusste und unbewusste Art und Weise. Am Wochenbeginn starten wir mit einem Morgenkreis, in dem gesungen und gebetet wird. Hier oder im Religionsunterricht hören sie Erzählungen aus der Bibel oder aus dem Kirchenjahr.

Ausgehend von Erfahrungen und Erlebnissen der Kinder, erschließen wir die religiöse Dimension und erleben so den Glauben ganzheitlich mit allen Sinnen.

In der Schulgemeinschaft achten und respektieren sich sowohl die Kinder als auch die Lehrer. Das christliche Menschenbild ist die Grundlage des Umgangs miteinander: Jeder Mensch ist von Gott einmalig und unverwechselbar geschaffen und geliebt und darum wichtig und wertvoll.

Deshalb möchten wir freundlich, hilfsbereit und wohlwollend miteinander umgehen.

Am St. Martinstag teilen wir ganz praktisch, indem wir Päckchen für bedürftige Kinder packen. Sie sollen ein Stück Not lindern helfen.

Im Gespräch mit unseren konfessionsfreien Kolleginnen und Kollegen und Eltern unserer Schüler wird unser Glaube immer wieder angefragt. Wir sind offen und froh für alle Fragen, die sich daraus ergeben und erzählen, was uns der Glaube persönlich bedeutet.

Unser Antrieb ist das Gleichnis vom Senfkorn: Ist es auch noch so klein - in die Erde gelegt keimt es und wird ein großer Baum, in dem die Vögel des Himmels wohnen können.

Wir glauben und vertrauen, dass die Saat aufgeht…

Diakon Bernhard Neumann:
Wie geht Mission? Das frage ich mich als hauptamtlicher Diakon, als der ich in dieser Pfarrei zu den Menschen unterwegs bin. Mein Name ist Bernhard Neumann.

Wir als Kirche, also als Gesandte an Christi statt, haben seit dem Wunder von 1989 so viele neue Möglichkeiten, an die wohl kaum jemand mehr geglaubt hatte, wenn ich nur einmal an die Möglichkeit denke, Schulen zu betreiben, die den Kindern nicht nur religiöses Wissen vermitteln - wovon wir eben gehört haben.

Also, noch einmal, wie geschieht Mission heute bei uns? Sie beginnt bei der Annahme des Lebens, sie begleitet uns das ganze Leben lang und sie geht über den Tod hinaus. Wenn ich als Diakon in dieser Kirche meinen Dienst tun darf, dann ist es ein Dienst am Nächsten, den Menschen Zeit zu widmen, denen oftmals der Radio - oder Fernsehgottesdient am Sonntag das einzige ist, was die Verbindung zu ihrem Glaubensleben wach hält. Mit alten, oft auch einsamen Menschen zu beten, ihnen das Evangelium vorzulesen und ihnen die Eucharistie zu reichen ist ein kostbarer Moment im Leben der alten Menschen - aber auch für mich selber immer etwas ganz Schönes. Die Botschaft vom Leben, die Mission, die wir haben, hört gerade eben auch bei Menschen nicht auf, die sich auf das Leben vorbereiten, was wir Ewigkeit nennen. Ihnen dabei zu helfen, ein Stück des Weges mitzugehen und ihnen von dem Gott zu erzählen, der sie auch im Sterben nicht alleine lassen wird.

Mission – Sendung, das ist Begeisterung für unseren Gott. Und diese Begeisterung zu teilen, das kann ich überall tun.

Gabriele Tanious:
Ich bin Gabriele Tanious, Koordinatorin vom Ambulanten Hospiz- und Trauerbegleitungsdienst der Malteser.

Gemeinsam mit ehrenamtlichen Hospizbegleitern des Malteser Hilfsdienstes besuche ich seit 11 Jahren in Haldensleben und Umgebung schwerkranke sterbende Menschen und ihre Angehörigen. Wir geben Zeit, Ruhe und Zuwendung, sind Wegbegleiter in der letzten Lebenszeit und in der Zeit nach einer Verlusterfahrung oder einem Abschied.

Immer wieder begegnet mir dabei die Frage nach dem „Warum?“, nach dem Sinn der Vergänglichkeit, nach dem „Was kommt danach?“.

Bei der Begegnung mit einem Sohn, der das Leid seiner Mutter in den letzten Stunden nicht mittragen konnte, gab ich ihm die Gewissheit, dass ich bei seiner Mutter bleiben werde. Ich nahm ihm die Last, dass seine Mutter ihren letzten Weg nicht allein gehen muss, wenn er nicht bei ihr bleiben kann.

Häufig fragen mich die Menschen, die ich besuche, woher ich die Kraft habe, diese Schicksale mitzutragen. Mir tut es dabei gut, ganz bei mir und meinen Erfahrungen zu bleiben, zu sagen, dass mich der Glaube und die Zuversicht stärken, um sterbenden Menschen und ihren Angehörigen Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe entgegenzubringen.

Pfarrer Runge:
Liebe Schwestern und Brüder, jeder von uns kann ein Gesandter an Christi statt sein.

Was ist Ihr, was ist dein Weg – konkret in der Nachbarschaft ein wenig von der Botschaft Jesu weiterzugeben?

In einem Gebet aus dem 14. Jahrhundert heißt es:

„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen an seine Seite zu bringen.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 27.10.2019 gesendet.





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