Wort zum Tage, 19.10.2019

von Pfarrer Hans-Peter Weigel, Nürnberg

Guter Sonntag

Ein sonniger Sonntagnachmittag im Park. Vater, Mutter und zwei Kinder sind mit Zweirad und Dreirad unterwegs. Ein Mann im mittleren Alter fährt den betagten Vater im Rollstuhl spazieren. Ein Liebespaar schlendert eng umschlungen unter den Bäumen… Junge und Alte, Paare und Singles, Rentner und Berufstätige… Wenn ich durch den Park radle, schnappe ich unwillkürlich Gesprächsfetzen auf. Eine Frau berichtet strahlend der Freundin, dass sie von der Zeitarbeitsagentur zur Vertretung in die und die Firma geschickt wurde, und von der ist sie nun fest angestellt worden. Zwei junge Väter – die zehnjährigen Söhne in Sichtweite – stehen wohl gerade vor der Wahl der neuen Schule und reden über die Bildungsqualität des einen Gymnasiums und das gute Sozialklima des anderen. Drei ältere Frauen sind ins Gespräch vertieft. „Am Mittwoch war ich ja zum Röntgen im Südklinikum“, seufzte die eine. „Den Befund hab’ ich noch nicht.“

Gespräche am Sonntagnachmittag. Es werden keine Sonntagsreden gehalten, abgehoben und wohl wahr, doch oft wenig alltagstauglich. Sondern es geht um die Freuden und Sorgen der Werktage. Da wird ausgesprochen, was einen beschäftigt. Und wo Gedanken und Gefühle ins Wort gefasst werden, wird manches klarer. Es tut gut, wenn man sich etwas von der Seele reden kann, weil jemand zuhört. Die Woche über stecke ich manchen Ärger weg, verdränge eine Sorge, vertage eine Entscheidung. Die Woche über muss ich gleich zur Tagesordnung übergehen – zur Werk-Tages-Ordnung.

Der Sonntag mit seiner anderen Grundstimmung, seinem anderen Rhythmus, seinen Ritualen tut den Menschen gut. Es ist der siebte Tag – oder, nach anderer Zählung, der erste Tag der Woche. Aber immer ein besonderer Tag. Technokraten mögen den Sieben-Tage-Rhythmus nicht, die ticken im Dezimal- System. So schafften 1792 die Führer der Französischen Revolution den Sonntag ab und befahlen die Zehn-Tage-Woche. In den späten Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts schafften ihn die Sowjets im kommunistischen Russland ab und führten die Fünf-Tage-Woche ein. Beide Male konnte sich staatlichem Druck zum Trotz die vermeintliche Reform nicht durchsetzen.

Alle sieben Tage Sonntag oder auch Sabbat – das tut den Menschen gut. Wenn der Sabbat abends zu Ende geht, setzen sich gläubige jüdische Familien noch einmal zusammen. Man spricht den Segen über den Wein und trinkt, und man reicht eine Dose mit wohlriechenden Kräutern und Gewürzen in die Runde, und jeder schnuppert daran. Mit dem Duft des Festtags in der Nase sollen wir auch die Werktage gut riechen und sie uns schmecken lassen.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 19.10.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Hans-Peter Weigel

Hans-Peter Weigel begann das Theologiestudium in Bamberg und schloss es (als Zeitgenosse der „68er“) in Tübingen ab. 1973 wurde er zum Priester für das Erzbistum Bamberg geweiht. Nach der Kaplanszeit schickte ihn der Bischof als Religionslehrer an ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg und nebenamtlich erst in die Jugendseelsorge, dann in die Familienseelsorge. Nebenbei schrieb er als Autor für das „College-Radio“ im Bayerischen Rundfunk. 2003 bis 2018 war er Künstlerseelsorger und Radio-Beauftragter im Erzbistum Bamberg. Radiosendungen gestaltet er weiterhin, und übernimmt Liturgie- und Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden.

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