Wort zum Tage, 28.10.2019

von Dompropst Reinhold Pfafferodt, Magdeburg

Winterzeit

Verwirrt habe ich gestern Morgen ich auf die große Uhr im Treppenhaus geschaut. War ich etwa zu früh aufgestanden? Aber des Rätsels Lösung war schnell gefunden: Es ist ja Winterzeit. Und während die anderen Uhren in meiner Wohnung ganz automatisch das Umstellsignal erhalten haben – einschließlich Handy und Wecker – hat sich nur die große alte Standuhr im Treppenhaus nicht von selbst umgestellt.

Mit dem gestrigen Sonntag hat die Winterzeit begonnen. In unseren Breiten ist es die Normalzeit. Jetzt ist es abends wieder zeitiger dunkel, dafür beginnen wir unseren Morgengottesdienst um 7 Uhr in der Kathedrale in Magdeburg in den nächsten Wochen wieder im Tageslicht.

Seit 1980 gibt es diese Regelung. Die Zeitumstellung sollte dazu führen, dass die Menschen das Tageslicht länger nutzen und sich der Stromverbrauch verringert.

Aber unsere innere Uhr kommt da nicht so schnell mit. Mancher hat große Schwierigkeiten, in den neuen Rhythmus zu finden.

 Das EU-Parlament hat für eine Abschaffung der Zeitumstellung ab dem Jahr 2021 gestimmt. Die tatsächliche Neuregelung ist aber Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten. Kommt dann die ganzjährliche Normalzeit?  Aber was ist „Normalzeit“?

„Zeit ist Geld“, sagen die einen, die wirtschaftlich denken und um Einsparungen bemüht sind.

„Zeit ist Geschenk“, sagen andere und erinnern daran, dass jede Zeit letztlich nicht selbst gemacht ist. Sie ist dem Menschen gegeben. Lebenszeit, Zeit zum Wachsen und Entfalten, zum Reifen und Gestalten.

„Alles hat seine Zeit“, erinnern weise Worte der Bibel im ersten, im Alten Testament. Und weiter heißt es dort: „Es gibt eine Zeit zum Säen und es gibt eine Zeit zum Ernten, es gibt eine Zeit zum Lieben und es gibt eine Zeit, die Umarmung zu lösen.“

Daran erinnert mich der Beginn der Winterzeit – für alles gibt es eine Zeit.

Es gibt keine unnütze Zeit. Was in meinen Augen im Augenblick vielleicht wertlos scheint, wird mich am Ende auch prägen. Es macht mich zum reifen Menschen.

Und: Mit solch einer Zeit der Besinnung beginnt der Alltag neu.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 28.10.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Reinhold Pfafferodt

Reinhold Pfafferodt ist Dompropst im Bistum Magdeburg. Zugleich ist er Pfarrer an der Kathedrale St. Sebastian in Magdeburg. Die Priesterweihe erhielt er 1977. Reinhold Pfafferodt war von 2002 bis 2005 Generalvikar im Bistum Magdeburg, seit 2005 ist er Dompropst.

Kontakt:
dompropst@kathedralpfarrei-sebastian.de

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