Wort zum Tage, 18.10.2019

von Pfarrer Hans-Peter Weigel, Nürnberg

Lukas

In gut zehn Wochen ist Weihnachten. Auch wer mit der Bibel wenig am Hut hat, bekommt dann, ob er will oder nicht, die Lieder von den Hirten mit, die zur Krippe laufen, und die Bilder von Maria, die das Jesuskind wickelt. Diese Weihnachtsgeschichte hat der Evangelist Lukas aufgeschrieben. Heute, am 18. Oktober, ist sein Heiligenfest, und wer Lukas heißt, hat heute Namenstag.

Das Lukas-Evangelium ist mein Lesetipp für die AWM. Falls Sie den Ausdruck noch nicht gehört haben: AWM bedeutet „alte weiße Männer“. AWM ist die Kampfparole des aktuellen Feminismus. Die AWM haben in der westlichen Welt das Sagen: in den DAX-Vorständen, in den Chefetagen der Behörden, an der Spitze der Medienhäuser – und in den katholischen Bischofskonferenzen und im Vatikan sowieso. 

Auch die Welt, in der Lukas sein Evangelium verfasste, war durch und durch von Männern bestimmt. In der vom Römerreich beherrschten sozialen und politischen Ordnung konnten nur Männer öffentliche Ämter bekleiden; in den Kulturen des Orients hatten Frauen den Männern zu gehorchen und hatten kaum eigene Rechte; und in Israel hatten Frauen in der Gemeinde der jüdischen Gläubigen kein Mitspracherecht.

Daran gemessen, war Lukas ein feministischer Schriftsteller. Mehr als in den anderen drei Evangelien kommen Frauen in seinem Evangelium vor. Nur Lukas betont so ausdrücklich, mit welcher Wertschätzung Jesus den Frauen begegnet. Lukas berichtet zum Beispiel von einer Witwe, der nun auch noch der Sohn als einziger Ernährer gestorben war. Als Frau durfte sie nach Landessitte ja außer Haus nicht arbeiten gehen. Wie sollte sie da über die Runden kommen? Jesus nimmt sich dieser Frau an…  Lukas vermerkt auch ausdrücklich, dass zum engeren Kreis der Jünger Jesu auch Frauen gehören.

Als eine Art Fortsetzung seines Evangeliums hat Lukas später die Apostelgeschichte verfasst. Da berichtet er unter anderem ausführlich darüber, wie der Apostel Paulus im Gebiet der heutigen Türkei und Griechenlands christliche Gemeinden gründete. Frauen spielten in etlichen dieser Gemeinden eine führende Rolle. Und die erste Person, die Lukas zufolge auf europäischem Boden getauft wurde, war eine Frau — eine tatkräftige Geschäftsfrau namens Lydia.    

Nur Lukas erzählt in seinem Evangelium übrigens so ausführlich von der sehr jungen Mutter Maria und von Jesus, ihrem außerehelichen Kind. Womit wir wieder beim Weihnachtsfest wären. In zehn Wochen ist es so weit. Heute aber hat erst mal der Berichterstatter der Weihnachtsgeschichte sein Fest.  

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 18.10.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Hans-Peter Weigel

Hans-Peter Weigel begann das Theologiestudium in Bamberg und schloss es (als Zeitgenosse der „68er“) in Tübingen ab. 1973 wurde er zum Priester für das Erzbistum Bamberg geweiht. Nach der Kaplanszeit schickte ihn der Bischof als Religionslehrer an ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg und nebenamtlich erst in die Jugendseelsorge, dann in die Familienseelsorge. Nebenbei schrieb er als Autor für das „College-Radio“ im Bayerischen Rundfunk. 2003 bis 2018 war er Künstlerseelsorger und Radio-Beauftragter im Erzbistum Bamberg. Radiosendungen gestaltet er weiterhin, und übernimmt Liturgie- und Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden.

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