Wort zum Tage, 17.10.2019

von Pfarrer Hans-Peter Weigel, Nürnberg

Respekt

Am Rand der Straße vor unserm Haus stehen Bäume. Zwischen zweien von ihnen ist jeweils gut Platz, um zwei Personenwagen zu parken. Ich komme spät von einem Auswärtstermin zurück. Alle Parklücken sind besetzt. In einer aber steht nur ein Auto. Mittendrin. Zum Baum vorne viel Abstand, zum Baum hinten viel Abstand. Aber kein Platz mehr für ein zweites Auto… Steckt böse Absicht dahinter? Oder nur Gedankenlosigkeit? Ich suche an diesem Abend noch lang nach einem Parkplatz. 

Am nächsten Morgen schiebe ich das Fahrrad aus der Haustür. Der Vorderreifen ist schon halb draußen auf dem Gehsteig, ich steh noch unter der Tür, da fegt ein Schatten vorbei, ein leises Scheppern – etwas hat mein Fahrrad gestreift. Ich springe ins Freie und sehe eine junge Frau auf dem Rennrad davonsausen. Sie fährt auf dem Gehsteig, immer an der Wand lang, ganz nah an den Haustüren vorbei. Eine besondere Art von Sportlichkeit? Übermut? Oder nur Gedankenlosigkeit?

Auf dem Rückweg benutze ich eine Fahrradspur. Sie ist schmal und darf nur in Fahrtrichtung stadtauswärts befahren werden; eine dicke weiße Linie trennt sie von der Fahrbahn für die Autos und die Tram. Doch genau auf dieser Fahrradspur kommt mir plötzlich ein Radler entgegen. Ein muskulöser junger Mann, sein Fahrrad hat knallgelbe Ballonreifen. Ich rechne damit, dass er anhält oder mir sonst wie die Spur freigibt. Er steuert geradewegs auf mich zu. Es kommt zum Zusammenstoß. Keine Verletzung, kein Sachschaden. Ich gebe dem Mann zu verstehen, dass er die andere Straßenseite hätte benutzen sollen. „Verpiss dich!“ zischt er und spuckt aus. Auch nur Gedankenlosigkeit?

Ein wenig später höre ich im Radio das Interview mit einem Bademeister. In den Tagen zuvor war es in einigen Freibädern zu Beleidigungen gekommen, zur Belästigung von jungen Frauen, zu Schlägereien und Angriffen auf das Personal und auf Polizisten. Woher die zunehmende Aggressivität komme, fragte der Reporter. Antwort des Bademeisters: Er beobachte schon länger, dass die Leute im Umgang miteinander immer weniger Respekt zeigen. Wem der Respekt fehle, der lasse seinem Unmut eben freien Lauf, und dann komme es halt schnell zum Schubsen und Schlagen.

Respekt: Das Wort kommt aus dem Lateinischen, hab‘ ich mal gelernt. Respekt kommt nämlich von respicere: und das heißt: zurückschauen, sich umsehen, Rücksicht nehmen. Wahrnehmen und berücksichtigen, dass vor und neben und hinter mir noch andere sind.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 17.10.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Hans-Peter Weigel

Hans-Peter Weigel begann das Theologiestudium in Bamberg und schloss es (als Zeitgenosse der „68er“) in Tübingen ab. 1973 wurde er zum Priester für das Erzbistum Bamberg geweiht. Nach der Kaplanszeit schickte ihn der Bischof als Religionslehrer an ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg und nebenamtlich erst in die Jugendseelsorge, dann in die Familienseelsorge. Nebenbei schrieb er als Autor für das „College-Radio“ im Bayerischen Rundfunk. 2003 bis 2018 war er Künstlerseelsorger und Radio-Beauftragter im Erzbistum Bamberg. Radiosendungen gestaltet er weiterhin, und übernimmt Liturgie- und Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden.

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