Wort zum Tage, 16.10.2019

von Pfarrer Hans-Peter Weigel, Nürnberg

St. Gallen

St. Gallen in der Schweiz, ein sonniger Junitag. Um die 400 junge Damen und Herren verlassen froh und stolz die Aula der Universität, unterm Arm die Mappe mit der Urkunde, dass sie den akademischen Grad eines „Master“ erworben haben. Bestens geschult für Management, effiziente Kommunikation innerhalb einer Firma und Mitarbeitermotivation. Sie haben alle wohl längst einen Anstellungsvertrag in der Führungsebene eines großen internationalen Unternehmens in der Tasche. Denn unter den Wirtschaftshochschulen Europas genießt die Universität in St. Gallen höchstes Ansehen. 

Im Mittelalter war St. Gallen wegen seines Klosters berühmt. Den Namen haben Kloster und Stadt vom heiligen Gallus; heute ist sein Namensfest: Am 16. Oktober 640 starb er; über seinem Grab steht die heutige Klosterkirche. Gallus war als Wandermönch aus Irland ins Bodenseegebiet gekommen, um den christlichen Glauben bekannt zu machen. Besonders der Kranken nahm er sich an – mit gutem Heilerfolg. An einem Wasserfall der Steinach gründete er mit einigen Gefährten eine Einsiedelei, aus der später das Kloster entstand – die Keimzelle der Stadt St. Gallen.

Das Kloster mit der weltberühmten Bibliothek war einer der Leuchttürme von Bildung, Kunst und Wissenschaft im Abendland. Was da geforscht und geschrieben wurde, befasste sich allerdings mit Bibelkunde, Theologie und Philosophie – nicht mit Handelsrecht, Unternehmensstrategie und Marketing wie die St. Gallener Uni von heute. Deren Gründung hat mit dem heiligen Gallus und dem Kloster auch gar nichts zu tun.       

Trotzdem gibt es eine heimliche geistige Verwandtschaft zwischen den Mönchen von einst und den Studenten von heute. Manche Absolventen, die im Juni stolz mit ihrem Zeugnis aus der Uni geschritten sind, werden einmal von ihren Chefs zu einem Manager-Seminar geschickt. Und Kursleiter ist womöglich ein Benediktiner wie einst die St. Gallener Mönche. Zum Beispiel Pater Anselm Grün aus Münsterschwarzach, der gar nicht so viele Interessenten aufnehmen kann wie sich anmelden. Er schöpft aus der uralten Benediktiner-Regel Tipps zum Führungsstil, zur Mitarbeitermotivation, zur Work-and-Life-Balance. Die Arbeit zu bestimmten Zeiten loslassen; die Starken im Team fordern, die Schwachen aber nicht entmutigen.

Führen – nicht durch Antreiben, sondern durch Aufrichten. Und wer aufrichten will, muss selber aufrecht gehen. Vielleicht erinnern sich die ehemaligen Studenten von St. Gallen ja bei diesen klösterlichen Tipps an das einstige Kloster in ihrem Studienort und an seinen Gründer, den heiligen Gallus. Wirkt da nicht noch immer etwas von seiner Haltung und Lebensweisheit nach?

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 16.10.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Hans-Peter Weigel

Hans-Peter Weigel begann das Theologiestudium in Bamberg und schloss es (als Zeitgenosse der „68er“) in Tübingen ab. 1973 wurde er zum Priester für das Erzbistum Bamberg geweiht. Nach der Kaplanszeit schickte ihn der Bischof als Religionslehrer an ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg und nebenamtlich erst in die Jugendseelsorge, dann in die Familienseelsorge. Nebenbei schrieb er als Autor für das „College-Radio“ im Bayerischen Rundfunk. 2003 bis 2018 war er Künstlerseelsorger und Radio-Beauftragter im Erzbistum Bamberg. Radiosendungen gestaltet er weiterhin, und übernimmt Liturgie- und Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden.

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