Morgenandacht, 10.10.2019

von Andreas Britz, Bellheim

Welttag gegen die Todesstrafe

Das Kolosseum in Rom. Es wirkt gespenstisch, wenn das Flutlicht abends die grauen Mauern bestrahlt. Aber manchmal ist die Arena in bunte Farben getaucht. Die meisten Touristen glauben, dass sei eine PR-Aktion des städtischen Fremdenverkehrsamtes. Weit gefehlt. Das Kolosseum erstrahlt immer dann farbig, wenn ein Staat auf dieser Erde die Todesstrafe abgeschafft hat oder ein zum Tode Verurteilter begnadigt wurde. Das ist in den letzten Jahren Gott sei Dank häufiger geschehen.

Wie viele Menschen jedes Jahr von Staats wegen sterben müssen, ist nicht exakt zu bestimmen. So veröffentlicht die Volksrepublik China dazu keine offiziellen Statistiken. Aber dort gibt es vermutlich die meisten Hinrichtungen, dahinter rangieren der Iran und Saudi-Arabien. Daran erinnert der heutige 10. Oktober: der „Welttag gegen die Todesstrafe“. Amnesty International hatte ihn vor knapp 20 Jahren angeregt.

Auch in den USA praktizieren viele Bundesstaaten noch die Todesstrafe. Nicht selten sind es fundamentalistische Christen, die sich entschieden für die Beibehaltung der Giftspritze oder des elektrischen Stuhls aussprechen.

Die Katholische Kirche dagegen lehnt diese martialische Form der Bestrafung ab. Papst Franziskus hat deshalb den Katechismus geändert. Dort heißt es jetzt ohne Wenn und Aber: „Die Todesstrafe ist unzulässig, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt.“ (Nr. 2267)

Bis dahin war es ein langer Weg. Auch die Geschichte des Christentums ist überschattet von grausamen Gerichtsurteilen gegen vermeintliche Ketzer und Andersgläubige. Dabei waren in den ersten Jahrhunderten die Christen selbst Opfer von Hass und staatlicher Gewalt geworden. Das Kolosseum in Rom erinnert bis heute an die vielen Märtyrer aus jener Zeit. Aber wie schnell wurden im Namen des „wahren Glaubens“ aus den Verfolgten selbst Verfolger?

Und heute? Noch immer ist es beschämend zu erleben, dass auch in manchen Religionen die Todesstrafe als gottgefällig und unverzichtbar angesehen wird. Die Jahresberichte von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen zeigen, dass besonders in der islamischen Welt Hinrichtungen religiös begründet werden. In Ländern wie Saudi-Arabien, Pakistan oder dem Iran müssen Ehebrecher, homosexuelle Menschen oder Glaubensabtrünnige mit der Todesstrafe rechnen.

Vor zwei Jahren hat der UN-Menschenrechtsrat mehrheitlich ein Ende dieser grausamen Praxis gefordert. Doch viele islamische Staaten setzen sich darüber hinweg. Muslime, die ihren Glauben anders verstehen als die herrschende Geistlichkeit, werden ausgegrenzt und bestraft. Abweichende Meinungen und Verhaltensweisen gelten als Gotteslästerung. Selbst Minderjährige sind davon bedroht. Besonders grausam gehen die IS-Kämpfer oder die Taliban gegen Männer und Frauen vor, die sich vom Islam abgewandt haben. Menschenrechtsorganisationen haben zahlreiche Hinrichtungen, z.B. durch Steinigung, dokumentiert.

Im Dialog zwischen den Weltreligionen dürfen diese Verbrechen nicht verschwiegen werden. Denn es kann keine größere Beleidigung Gottes geben als die Tötung eines Menschen in Gottes Namen.

„Religionen dürfen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, (…) wecken, und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern.“ So heißt es in dem Dokument, das Papst Franziskus bei seinem Besuch in Abu Dhabi im Februar dieses Jahres zusammen mit dem Kairoer Großimam Al-Tayyeb unterzeichnet hat. Und weiter: „Deshalb bitten wir alle: Hört auf, die Religionen zu instrumentalisieren, um Hass, Gewalt, Terror oder blinden Fanatismus zu entfachen.“

Der heutige „Welttag gegen die Todesstrafe“ ist damit auch ein Fingerzeig für alle Menschen, die an Gott glauben, sich für das Leben und die Freiheit einzusetzen - ohne Unterschied von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 10.10.2019 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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