Morgenandacht, 09.10.2019

von Andreas Britz, Bellheim

Jom Kippur

Kein Verkehr auf der Straße. Die Autos bleiben in der Garage, Busse und Bahnen in den Depots. Auf den Flughäfen gibt es keine Starts und Landungen. 90 % weniger Luftverschmutzung als sonst. Die Geschäfte sind geschlossen. Rundfunk und Fernsehen senden keine Programme. Theater und Kinos spielen nicht. Ein Land wie im Dornröschenschlaf.

Seit gestern Abend ist das wieder so. In Israel nämlich. Die Juden begehen ihren höchsten Feiertag: Jom Kippur, den „Tag der Versöhnung“. Seit dem jüdischen Neujahrsfest sind nun 10 Tage verstrichen. In dieser Zeit sollen die Gläubigen begangenes Unrecht wiedergutmachen und sich mit den Feinden versöhnen. Wer das tut, der darf erwarten, dass Gott ihm an Jom Kippur die Sünden vergibt.

An Jom Kippur sind die Synagogen überfüllt. Heute kommen auch diejenigen zum Gottesdienst, die ansonsten zuhause bleiben. Und selbst Juden, die den Glauben ihrer Väter und Mütter längst aufgegeben haben, halten den strengen Ruhetag heute ein. Die Stille im Land wollen auch sie nicht missen.

Für die Frommen ist Jom Kippur traditionell ein Tag des Fastens. Erst wenn heute Abend das Schofar, das Widderhorn, geblasen wird, setzt man sich wieder zu Tisch.

Das Fasten ist aber kein Selbstzweck. Wer fastet, der unterbricht die Routine des Alltags. Der findet Zeit, nachzudenken: über sich, sein Leben und seine Beziehung zu Gott. Der konzentriert sich auf das Wesentliche, das wirklich Wichtige. Dazu gehört auch der Blick auf die Mitmenschen, die nahen und fernen Nächsten. Das macht die Hebräische Bibel – die weitestgehend dem Alten Testament der christlichen Bibel entspricht – unmissverständlich klar. Heute, an Jom Kippur, liest man im Vormittagsgottesdienst aus dem Buch Jesaja. Da beschreibt der Prophet zunächst, wie gottesfürchtige Juden darüber klagen, dass Gott ihr strenges Fasten nicht angemessen würdigt: „Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und du weißt es nicht?“ (Jes 58,3)

Jesaja überliefert Gottes Antwort: „Seht, ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Nennst Du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt?“ (Jes 58,4-5)

Mit Askese um ihrer selbst willen, kann man Gott nicht beeindrucken. Wer seinen Glauben im Alltag nicht lebendig werden lässt, der kann nicht mit der Hilfe Gottes rechnen. Der Gott Israels hat eine andere Vorstellung vom wirklichen Fasten: „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen? Wenn Du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? (Jes 58, 6-7)

Es kommt also auf das an, was da bei Jesaja nachzulesen ist: Sich einzusetzen für Recht und Gerechtigkeit, einzutreten für Frieden und Versöhnung, den Menschen beizustehen, die der Hilfe bedürfen. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,18) Die Tora hat dieses zentrale Gebot formuliert. Jesus macht es – zusammen mit der Gottesliebe – zum Kern seiner Frohen Botschaft. Er stellt sich ganz bewusst in die Tradition des Propheten Jesaja, wenn er dazu aufruft, Nackte zu bekleiden, Hungrige zu speisen und Fremde aufzunehmen. (Mt 25)

Wer Gott um die Vergebung seiner Sünden bittet, der sollte zuvor auch zur Versöhnung mit seinen Mitmenschen bereit sein. Im Vaterunser hört sich das so an: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

So kann die Welt heller und menschlicher werden.  „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot“, sagt Gott durch den Propheten Jesaja. Und weiter: „Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt dir nach.“ (Jes 58,8)

Allen unseren jüdischen Mitbürgern wünsche ich von Herzen einen hellen, segensreichen Jom Kippur!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 09.10.2019 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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