Wort zum Tage, 05.10.2019

von Pastoralreferent Dominik Frey, Baden-Baden

Wein statt Wasser

Bei einer Hochzeitsfeier wird ja normalerweise gut und viel aufgetischt. Wer schon mal eine Hochzeitsfeier in orientalischen Ländern erlebt hat, der hat keine Fragen mehr. Meistens gehen die Feierlichkeiten mehrere Tage lang, der halbe Ort ist auf den Beinen, und es gibt Essen und Trinken soweit das Auge reicht. Peinlich, wenn da auf einmal etwas alle ist. Doppelt peinlich, wenn es gerade der Wein ist.

Und genau das ist passiert im Städtchen Kana, schon ein Weilchen her. Maria ist auch unter den Gästen und erlebt das Debakel mit: Der Wein ist tatsächlich ausgegangen. Aber Maria weiß, dass ihr Sohn Jesus auch unter den Hochzeitsgästen ist, und dass er ein echter Alleskönner ist. Endlich findet sie ihn und raunt ihm zu: „Stell dir vor Jesus, sie haben keinen Wein mehr.“

Jesus ist etwas genervt – als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Vielleicht ist Maria penetrant geblieben, oder Jesus hatte Mitleid mit dem blamierten Hochzeitspaar. Jedenfalls deutet er irgendwann auf die Wasserkrüge zum Händewaschen und sagt zu den Dienern: „Füllt sie mit Wasser und bringt sie in die Küche.“ Sechs Krüge schleppen die Diener zum Küchenmeister. Der probiert und traut seinem Gaumen kaum. Ungläubig geht er zum Bräutigam und fragt: „Warum rückst du jetzt erst raus mit dem guten Wein?“

Diese Geschichte stammt aus dem Johannesevangelium. Und es ist das erste Wunder von Jesus, das dort beschrieben wird. Ich habe früher auch gedacht: Als ob es nichts Wichtigeres gäbe als Wasser in Wein zu verwandeln. Zum Beispiel Not lindern oder Kranke heilen. Aber inzwischen bin ich überzeugt: Nein, es war genau richtig, mit so einem eigentlich überflüssigen Wunder anzufangen. Es soll nämlich zeigen, dass Gott etwas von seiner himmlischen Herrlichkeit in unsere Welt gibt. Jesus zeigt uns ein Stück vom Paradies. Er lässt uns wie durch einen Türspalt ins Reich Gottes spicken. Und er sagt uns, dass dies auch auf der Erde schon ein bisschen möglich ist. Mit Jesus bricht eine neue Zeit an – Wein-Zeit statt Wasser-Zeit sozusagen.

Und noch etwas könnte dieses Weinwunder bedeuten: Jesus verwandelt Wasser in Wein. Oder er verwandelt das Alltägliche in etwas ganz Besonderes. Wenn ich die Botschaft Jesu in meinem Leben umsetze, dann kann auch bei mir Wasser zu Wein werden. Wenn ich Menschen auf Jesus-Art behandle, also wenn ich großherzig bin, wenn ich Menschen integriere, wenn ich vergeben kann, wenn ich auch mal einen klaren aber unbequemen Standpunkt vertreten kann - dann kann mein Leben eine neue Qualität bekommen. Wein statt Wasser eben.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 05.10.2019 gesendet.


Über den Autor Dominik Frey

Dominik Frey, geboren 1968 in Überlingen am Bodensee, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter der Erzdiözese Freiburg beim SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Dublin hat er sechs Jahre in einer Musikschule als Saxofonlehrer gearbeitet. Außerdem war er Dirigent und mit Bandleader. Während der Ausbildung zum Pastoralreferenten wurde er Autor für SWR3 und hat die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Dominik Frey fährt gerne Motorrad, liebt Snowboarden und Geocaching und natürlich seine Frau und seine beiden Jungs. Er lebt in Baden-Baden.

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