Morgenandacht, 28.09.2019

von Bischof Franz-Josef Bode, Osnabrück

Ehe heute der Hahn kräht

„Ich sage dir, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen“ (Lukas 22,34/61). Dieses Zitat aus der Bibel gehört sicherlich zu den bekanntesten. Jesus sagt es in der Nacht vor seiner Kreuzigung zum Jünger Petrus. Einen weiteren Satz wird Jesus nur wenige Stunden später am Kreuz einem seiner Mitgekreuzigten zusagen:  „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lukas 23,43).

Beide Sätze stehen also am Ende des Lebensweges Jesu. Mich bewegen Sie aber auch, aufgrund der Betonung des „Heute“ in diesen beiden Sätzen. Das „Heute“ hat eine Unmittelbarkeit. Nicht morgen, nicht irge ndwann, nein im „Heute“ wirkt Gott im Leben der Menschen. Für Petrus und den Mitgekreuzigten hat das in ganz unterschiedlicher Weise Wirkung gezeigt.

Zwei Personen, die unterschiedlicher nicht sein können. Petrus verspricht großspurig, sein Leben für Jesus einzusetzen, und e rfährt von seinem unmittelbar bevorstehenden Scheitern: „Heute, ehe der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.“ Der mitgekreuzigte Verbrecher spricht in Demut aus, worum er den Unschuldigen noch bitten möchte: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ (Lukas 23,42).

Der sich selbst überschätzende Freund und der Mitgekreuzigte: Für beide hat Jesus ein Heute-Wort, das ihnen auf verschiedene Weise zum Heil wird. Dem Petrus durch den Blick, mit dem Jesus ihn direkt nach der tatsächlichen Verleugnungstat ansieht. Dieser Blick trifft ihn bis ins Mark. Er ruft in ihm die Erinnerung an die Voraussage Jesu wach. Und Petrus weint bitterlich. Es ist das einzige Mal im Lukasevangelium, dass ein Mann weint. Tränen der Verzweiflung und der Reue läutern seine Beziehung zu Jesus.

Der andere am Kreuz, erfährt nicht nur einen Blick Jesu, sondern weit mehr die unglaubliche Zusage: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“ In letzter Sekunde wurde dieser Mitgekreuzigte noch zum Glaubenszeugen. Er setzte sein ganzes Vertrauen auf Jesus in der schlic hten Bitte: „Denk an mich!“ Dieser eine kleine Satz hat alles entschieden.

Beim Blick auf das Kreuz sind wir oft  hin- und hergerissen zwischen Ablehnung und Annahme, Widerstand und Zuwendung. „Jesus, denk an mich!“ Diese vier Worte können ein Grundgebet unseres Tages, ja unseres Lebens werden. Dann werden wir auch in schweren Entscheidungen nicht völlig in die Irre gehen oder ins Bodenlose fallen.

Und Petrus, der allzu Selbstsichere, sagt mir als Bischof: „Heute besteht auch für dich die Gelegenheit des Scheiterns, der Versuchung zur Feigheit, der Übermacht der Angst. Deshalb bleib achtsam, dass dir die Worte nicht zu großspurig aus dem Mund kommen in Predigt und Gebet!“

Ich denke, jeder von uns braucht einen krähenden Hahn, der ihn weckt aus dem Schlaf der Sicherheit, damit wir ehrlich erkennen, was wir getan haben und tun. Dann mögen auch Tränen fließen, wenn klar wird, wie enttäuschend wir mit der Freundschaft und dem Vertrauen anderer umgegangen sind, auch mit der Freundschaft mit Jesus.

Der scheiternde und weinende Freund, der unbekannte und vertrauende Mitgekreuzigte: beide erfahren ein heilendes Heute. Das läuternde Wort, das die Seele unter Tränen reinigt, und das beglückende Wort, das das Paradies öffnet. Beide Worte bringen Befreiung.

Heute, ja, auch heute ist die Zeit des Heils. Es wird einen neuen Tag geben, einen neuen Morgen, zu dem wir umso zuversichtlicher aufbrechen können, je mehr wir das Heute wirklich gelebt haben. Dass Ihnen das gelingt, liebe Hörerinnen und Hörer, wünsche ich Ihnen sehr.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 28.09.2019 gesendet.





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