Morgenandacht, 27.09.2019

von Bischof Franz-Josef Bode, Osnabrück

Heute muss ich in deinem Haus bleiben

„Zachäus, komm schnell herunter! Denn heute muss ich in deinem Haus bleiben.“ (Lukas 19,5). Die Geschichte von der Begegnung des Zollpächters Zachäus mit Jesus gehört zu den bekanntesten im Neuen Testament der Bibel. Zachäus, klein an Gestalt, wird als Zöllner von vielen verachtet.

Was aber Zachäus sympathisch macht trotz aller Winkelzüge seines Lebens, ist seine hemmungslose Neugier. Als oberster Zolleintreiber ist er sich nicht zu fein dafür, in aller Öffentlichkeit auf einen Baum zu klettern, um den vorbeigehenden Jesus sehen zu können. Schon lange wollte er diesen Jesus sehen, von dem man so viel hörte. Vor allem auch, dass er seine Zunft – die allgemein verhassten Zöllner –nicht links liegen ließ. Einen von Seinesgleichen zählte dieser Jesus sogar zu seinen engsten Freunden: Levi-Matthäus. Was würde das für ein Mann sein, der sich eigenwillig über alle Vor-Urteile hinwegsetzt, der die Menschen so berührt, dass Blinde wieder Perspektiven gewinnen, Gelähmte eigene Wege gehen und selbst notorische Sünder seine Tischgenossen sein dürfen.

Zachäus will diesen Mann sehen – und wird so selbst gesehen. Er wird vom Beobachter zum Erkannten: „Zachäus, komm herunter! Heute muss ich in deinem Hause sein. Ich, Jesus, mache dich zu meinem Gastgeber.“

Ich bin davon überzeugt, dass auch heute mehr Menschen Jesus sehen wollen als man vermutet. Wenn da nur nicht so viele wären, die den Blick auf ihn verhindern: die ach so Großen und Frommen, die sich dicht um ihn drängen, die ihn unmittelbar berühren wollen und dabei alle anderen um sich herum vergessen.

Es gibt auch viele junge Menschen, die Jesus sehen wollen, denen das Fern-Sehen und Schwarz-Sehen und In-die Sterne-Sehen nicht mehr genügt. Ihn selbst wollen sie sehen, nicht die Verstellungen und Barrieren, die die Eiferer um Jesus herum errichtet haben. Sie nehmen dafür viel in Kauf. Sie sind bereit zu klettern, das heißt weite Wege zu gehen und viel Zeit an geistlichen Orten zu verbringen. Sie lassen sich auf Stille und Einsamkeit ein oder stehen in Fröhlichkeit die Strapazen großer Ereignisse wie Weltjugendtage und Wallfahrten durch. Genau diesen Leuten spricht Jesus zu: Heute muss ich in deinem Hause bleiben. Das ist die Notwendigkeit einer Liebe, die nicht vorbeigehen kann an Neugierigen, Sehnsüchtigen, Suchenden und Kletternden. Es ist das „Muss“ der Liebe Gottes, bei den Menschen zu bleiben.

Und Zachäus versteht. Endlich sieht ihn einer an ohne Vorbehalte und Vorurteile. Zachäus weiß, was Jesus meint, wenn er bei ihm bleibt: Es geht nicht um die Sünde, sondern um ihn, Zachäus, als Person in der Tiefe seiner Existenz. Die anderen konnten Jesus nicht richtig erkennen wegen ihrer fertigen Bilder. Zachäus in seiner Neugier dagegen sieht klar und wird verwandelt vom Geldeintreiber zum großzügigen Verteiler, vom Raffer zum Geber, vom Kleinen in seiner Gestalt zum Großen in seinem Herzen.

Neugierig bleiben, auch heute. Über das Vordergründige hinwegsehen, das die Menge ausmacht. Und die Augen offenhalten, um den Vorübergehenden nicht zu verpassen, der mitunter überraschend zur Einkehr kommen will: Jesus selbst in den verschiedenen Situationen dieses Tages, der vielleicht wenig einladend anfängt und am Abend doch eine besondere Begegnung erinnert, die Heil geschenkt hat.

Liebe Hörerinnen und Hörer, ich hoffe und wünsche, dass Sie sich die Sicht nicht zu sehr versperren lassen von den Unglaubwürdigkeiten in der Kirche und frei bleiben für die Zuwendung Jesu. Lassen Sie ihn ein wenig bleiben! Vieles kann sich verändern und die Augen neu öffnen für ein Heil, das alle Begrenztheit und Kleingeistigkeit sprengt. Nicht gestern, nicht morgen – heute!

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 27.09.2019 gesendet.





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