Morgenandacht, 26.09.2019

von Bischof Franz-Josef Bode, Osnabrück

Heute haben wir Unglaubliches gesehen

„Heute haben wir Unglaubliches gesehen“ (Lukas 5,26). Die Menschen, die sich das zurufen, sind völlig außer sich angesichts der erstaunlichen Heilung eines Gelähmten. Und das direkt vor ihren Augen! Heute!

Die Bibel berichtet von diesem Ereignis im Lukasevangelium. Mich bewegt die Betonung des Wortes „Heute“, die mir zeigt: Gott wirkt nicht irgendwann, nicht am Ende der Zeit, sondern im Jetzt, im Heute der Menschen.

Was ist passiert in der biblischen Szene?

Jesus macht wahr, was er kurz vorher in Nazareth angekündigt hat: Er ist gesandt, die Bedrängten und Zerbrochenen aufzurichten und zu heilen.

Männer wollen einen Gelähmten zu Jesus bringen. Und wegen der Volksmenge kommen sie nicht an ihn heran. Darum steigen sie Jesus im wahrsten Sinn des Wortes aufs Dach, brechen es auf und lassen den Gelähmten in seinem Bett direkt zu ihm herunter. Und was tut Jesus? Völlig unerwartet sagt er: „Mensch, deine Sünden sind dir vergeben.“ Wo die ganze Situation nach körperlicher Heilung schreit, da spricht er von Sündenvergebung.

Jesus zielt damit auf die innere Lähmung durch Schuld und Sünde, die bewegungsunfähig machen kann, weil die Last so groß ist und ihre Überwindung so viel Kraft kostet. Es geht hier weniger darum, ob die Krankheit eine Strafe Gottes für ein sündiges Leben ist, wie es viele damals glaubten. Es geht darum, dass wir Menschen oft weit mehr der inneren Befreiung von uns selbst und unseren Schuldverstrickungen bedürfen als nur einer äußeren Heilbehandlung, so sehr sich jeder danach sehnt.

Jesus geht es immer um den ganzen Menschen. Es geht ihm um das Heil von Leib und Seele, Körper und Geist, es geht ihm um inneren Frieden und gelingende Beziehungen. Doch mit seinem Zuspruch: „Mensch, deine Sünden sind dir vergeben“, ruft er den Unmut der Pharisäer und Schriftgelehrten auf den Plan. Sünden vergeben kann doch nur Gott allein, denken sie. Indem Jesus das aber für sich in Anspruch nimmt, macht er sich selbst zu Gott. Das kann nur in die Katastrophe führen. Die anschließende Heilung des Gelähmten von seinen äußeren Beschwerden beglaubigt dann nur noch den inneren Vorgang: Hier ist kein Wunderheiler oder Medizinmann am Werk, sondern eine ganz andere Kraft.

Die Volksmenge begreift: Heute haben wir Unglaubliches gesehen. Für einen Moment haben wir hinter die Kulissen schauen dürfen, haben wir das gesehen, was hinter allem steckt: den Heilswillen Gottes für alle Menschen und für die ganze Schöpfung. Heute ist Befreiung angesagt; es beginnt etwas Neues.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, die meisten von uns werden heute so Unglaubliches nicht erleben. Und doch können sich Möglichkeiten der Vergebung auftun inmitten so mancher Unversöhntheit – mit sich selbst, mit anderen, mit Gott. „Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Versöhnung“, möchte ich sagen im Anklang an ein modernes Kirchenlied. Es gibt sie ja wirklich, die unerwarteten Wendungen und die Erfahrungen von Verzeihung und Neuanfang. Viele erfahren sie im Sakrament der Beichte oder in der Bitte um den Segen für Umkehr und Aufbruch. Andere erleben das in Gesprächen, die mit Offenheit und Herzlichkeit geführt werden. Und auch der, der jeden Tag seine nicht zu lösenden Lähmungen annimmt und damit umzugehen lernt, kann Unglaubliches erfahren. Nämlich dann, wenn es ihm gelingt, sein Leben von den Beeinträchtigungen nicht übermächtigen zu lassen.

Für Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hoffe ich, dass Sie heute nicht vor dem Bösen resignieren, von dem wir Tag für Tag aus der ganzen Welt erfahren, sondern das unglaublich Gute neu glauben und hoffen können. Das Unglaublichste ist immer noch die Liebe, die Menschen einander schenken, und mehr noch die Liebe, die Gott für uns hat. Heute und immer wieder!

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 26.09.2019 gesendet.





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