Morgenandacht, 25.09.2019

von Bischof Franz-Josef Bode, Osnabrück

Heute hat sich das Schriftwort erfüllt

„Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“(Lk 4). Das sagt Jesus in einer Situation, die richtungsweisend für seinen ganzen Lebensweg wird. Er greift das Schriftwort über den Messias beim Propheten Jesaja auf im Ersten Testament. Das Besondere: Jesus bezieht diese Beschreibung über den Gesandten Gottes auf sich selbst.

Da heißt es:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir;
denn er hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe." (Lukas 4,18 f)

Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt, sagt Jesus – und zwar in seiner Heimatstadt Nazareth, wo er mit 30 Jahren sein öffentliches Wirken beginnen will. Es scheint, als habe Jesus seinen Auftrag für die nächsten Jahre erkannt und nimmt ihn hier an.

Auch ein jeder von uns hat einen solchen Auftrag von Gott. Ganz gleich ob getauft oder ungetauft: denn ich glaube fest, dass jeder Mensch von Gott gewollt und bejaht ist. Er ist der Schöpfer, der allen Menschen seinen Geist mitgegeben hat. Diese Begabung mit dem Geist bedeutet, dass jeder Mensch eine Sendung und einen Auftrag hat.

Nur bei sich und seiner eigenen Menschenwürde und Begabung zu bleiben, wäre menschenunwürdig und erst recht Gott gegenüber unerträglich. Jeder und jede ist auch für die anderen da, ist für sie mitverantwortlich vor der Zukunft, vor der Menschheit, vor Gott.

Arme jeder Art gibt es viele unter uns. Auch hinter materiellem Reichtum steckt zuweilen die bittere Armut eines einsamen Menschen. Gefangene gibt es nicht nur in Gefängnissen. Es gibt sie weit mehr unter denen, die sich vom Konsum, vom Markt, von Dingen und Beziehungen oder vom eigenen Ich gefangen nehmen lassen. Auch an Blinden fehlt es nicht. Menschen, die sehend blind sind, die keinen Blick mehr haben für das Gute und Schöne, die die Augen vor der Wirklichkeit verschließen und keine Perspektiven mehr erkennen aus lauter Enttäuschung, aus übergroßem Leid, aus Resignation. Oder auch nur, weil sie geblendet sind von den schrillen Oberfächlichkeiten, die unablässig auf uns einstürzen.

Und dann die vielen Zerschlagenen, Niedergeschlagenen und Zermürbten, die sich nach Aufrichtung und Freiheit sehnen. Das Gnadenjahr des Herrn, wie es der Prophet Jesaja nennt, das können wir jeden Tag leben, wenn wir neue Chancen und Lebensmöglichkeiten für sie alle auftun.

Auch heute erfüllt sich das Wort, von dem Jesus spricht, wenn wir die Augen offen haben für die Abhängigen, Perspektivlosen und Traurigen, wenn wir die Ohren auch für das offen haben, was sie vielleicht nicht sagen, was aber ihre Herzen gefangen hält. Gott will uns begegnen in denen am Rande und im Verborgenen, mehr als in denen im Lauten und Aufdringlichen.

Ob wir Bischöfe heute bei unseren Beratungen der Bischofskonferenz die Menschen und ihre komplexen Lebenswirklichkeiten gut im Blick haben werden? Papst Johannes XXIII. sprach schon in den 1960er Jahren vom aggiornamento, von der Verheutigung des Glaubens. Ja, das Heute, die heutige Lebenswirklichkeit, die Zeichen der Zeit sind eine Quelle theologischer Erkenntnis. Als Bischof wünsche ich mir eine Kirche, die dem Auftrag Jesu gerecht wird, den er in Nazareth ein für alle Male – das heißt für jedes Heute – ausgesprochen hat: Den Armen eine frohe Botschaft zu bringen.

Ob sich an diesem Tag etwas von dem erfüllt, was in Nazareth seinen Anfang nahm? Das liegt an jedem Einzelnen von uns. Ob dieser Tag Befreiung und Heil für möglichst viele bringt, die sie nötig haben, liegt auch mit an mir.

Heute könnte eine Gnadenzeit des Herrn werden, eine neue Chance!

 

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 25.09.2019 gesendet.





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