Morgenandacht, 24.09.2019

von Bischof Franz-Josef Bode, Osnabrück

Heute ist euch der Retter geboren

„Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“ (Lk 2,11 f.). 

Sie werden sich wundern, dass ich Ihnen mitten im Frühherbst dieses berühmte Wort aus dem Weihnachtsevangelium zumute. Aber das Heute der Weihnacht gilt eben nicht nur am 25. Dezember. Und erst recht galt es nicht nur vor 2000 Jahren. Ich meine: Die Botschaft des Engels gehört an den Anfang jeden Tages. Auch heute, was immer Sie vorhaben, was immer auf Sie zukommen mag.

Die Ersten, die die Botschaft von der Geburt des Retters erfahren, sind Hirten auf dem Feld. Einfache, oft verachtete Menschen, die ähnlich wie die Zöllner in Verdacht standen, es mit Mein und Dein nicht so genau zu nehmen. Vor Gericht konnten sie deshalb auch   keine Zeugenaussage machen. Und überhaupt: Wer kann auf freiem Feld schon wirklich gescheit leben?

Allerdings sind Hirten auch sehr wachsame Menschen, die für die Zeichen der Natur und der Umgebung aufmerksam sind. Die in die Stille hineinhorchen können und schnell Gefahren für ihre Tiere und für sich selbst erspüren. Gerade ihnen wird dieses „Heute“ der Rettung zugerufen. Offensichtlich können die Einfachen, die Verdächtigten und Verachteten am ehesten diese paradoxe Botschaft aufnehmen, dass ein hilfloser Säugling am Rande der Welt der ersehnte Friedensbringer sein soll, und nicht der Kaiser Augustus auf seinem Thron in Rom.

„Das ist ein Heute, das für alle Zeiten alles auf den Kopf stellt … Wo ein Baby die Macht bekommt und das weitererzählt wird von den Letzten, da wird klar: Ab heute frag nicht mehr, was gestern war, ab heute bricht ein neuer Morgen an, heute ist tatsächlich Zeitenwende.“ So schreibt die evangelische Pfarrerin Kerstin Schiffner dazu.

Heute ist dir der Retter geboren! So, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, müssen wir die Botschaft des Engels hören. Dir, in der Erwartung dieses Tages, ob voller Angst und Sorge oder voller Hoffnung und Freude. Die Frage ist aber, ob ich in den Bedrückungen dieses Tages überhaupt so eine ganz persönliche Zeitenwende erwarte. Oder ob ich in den guten Erfahrungen dieses Tages auch den Grund aller Freude neu entdecke und wahrnehme: Nämlich Gott selbst.

Die einfachen und unverstellt wahrnehmenden Hirten haben es geschafft, sich aufzumachen und dieses Kind am Rande zu suchen. Und sie haben es gefunden. Ob unser Tag heute für uns auch dazu da ist, auf der Suche nach diesem Kind am Rand zu bleiben? Auf der Suche nach dem Unscheinbaren, dem kleinen Licht in unserem Alltag, auf der Suche nach den schreienden und hilflosen Menschen, die ihre Not vielleicht nur selten aus sich herauslassen können?

Ja, auch auf der Suche nach der Geburt dieses Kindes in mir selbst, auf der Suche nach der Stimme und der Bewegung des Geistes Gottes in mir, in dem, was wir Gewissen oder Herz nennen, dort, wo Gott uns im Innersten begegnen will?

Der Lärm des Tages und die übliche Hektik und Geschäftigkeit lassen uns die Gegenwart Gottes in uns selbst oft schwer erkennen. Aber heute könnte sich die Gelegenheit eines Momentes ergeben, in diesem Sinn Gottes inne zu werden. Für einen Moment nur. Das reicht, um wieder neu durchzuatmen, neu zu beginnen oder gar wie die Hirten von ihm zu erzählen, von dem, der der Retter ist, der befreit, aufrichtet und heilt.

Heute könnte der Beginn einer persönlichen Zeitenwende sein – für alle!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 24.09.2019 gesendet.





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