Am Sonntagmorgen, 03.11.2019

von Pfarrer Christian Olding, Geldern

Sterben für Anfänger. Über den Umgang mit dem eigenen Tod

Leben ist tödlich. Die Tatsache, dass wir einmal sterben müssen, ist nicht verhandelbar. Sie ist schlicht und ergreifend gesetzt. Im öffentlichen Raum wird an diese Wahrheit nur selten erinnert. Üblicherweise wird der Tod, so gut es eben geht, verdrängt - jedenfalls der leibhaftige, der sich jenseits von Flachbildschirmen oder bedrucktem Papier ereignet. Irgendwo da draußen in der großen weiten Welt kommen Menschen um, in Kriegen, bei Naturkatastrophen oder weil es Ebola gibt. Doch das findet üblicherweise viele tausend Kilometer von uns entfernt statt, nicht unmittelbar nebenan. Sterbende gibt es häufig nur noch im Krankenhaus, im Pflegeheim oder im Hospiz, weit weg von unserem Alltag.

Und dennoch ist eben klar: Es gibt für jeden von uns eine hundertprozentige Sterbewahrscheinlichkeit, aber leider keine hundertprozentige Lebenswahrscheinlichkeit. So spricht William Wallace, der schottische Held und zugleich die Hauptfigur im Film Braveheart: „Sterben muss jeder einmal, aber wahrhaftig leben, das können nur wenige!“ Welch wahre und tiefe Einsicht. Der Tod ist sicher, das Leben aber nicht. Es besteht die ernste Gefahr das Leben zu verpassen, wie einen Abend vor dem Fernseher. Die Zeit vergeht, wir sind beschäftigt, unterhalten. Wir haben zugeschaut. Aber gelebt haben wir nicht wirklich. Wir haben nicht unsere Zeit gestaltet, unsere Kraft nicht eingesetzt, wir sind kein Risiko eingegangen. Wir haben nicht herausgefunden, wer wir sind, was wir können und wie das zur Fülle des Lebens passt, das Gott uns anvertraut hat. Wir haben lediglich zugeschaut und uns treiben lassen.

Doch ich meine: Gerade die Sicherheit des Todes kann uns einen intensiven Blick auf die Einzigartigkeit des Lebens ermöglichen. Das geht aber nur, wenn wir bereit sind zu erkennen, auszuhalten und zu akzeptieren, dass wir sterben werden. Ich glaube, den Fakt der eignen Endlichkeit an sich heranzulassen ist ein erstes, anfängliches Sterben, dass nicht tötet, sondern eine große Kraft in sich birgt, wenn wir ihm standhalten.

Da war die ZDF-Fernsehmoderatorin Susanne Conrad. Zuerst verlor sie die Mutter, kurz darauf erkrankte sie an Krebs. Lange Zeit war nicht klar, ob sie ihre Krankheit überleben würde. Oder der junge Leistungssportler Samuel Koch, der in der Samstagabendshow „Wetten, dass …“ über Autos springen wollte, dabei auf tragische Weise schwer verunglückte und bis heute mit schwersten Lähmungen an einen Rollstuhl gefesselt ist.

Diese beiden Schicksale stehen für mich stellvertretend für all die, in denen Menschen dem Tode entweder gefährlich nahekamen oder er einfach ungefragt in ihr Leben einbrach und darum nicht länger ignoriert werden konnte. Susanne Conrad und Samuel Koch berichteten etwas sehr Ähnliches: Ihr Leben hat sich nach dieser Begegnung mit dem Tod verändert und zwar nicht nur zum Negativen. Neben der Trauer, all dem Schmerz und Schrecken, die über sie herfielen und bewältigt werden wollten, hat das Leben überraschenderweise an Intensität und an Qualität gewonnen. Wie sie erzählen viele davon, dass sie eine neue Klarheit gewonnen haben für das, was ihnen wichtig ist – und was eben auch nicht. Sie machen sich weniger Sorgen. Sie investieren mehr in ihre tragenden Beziehungen. Sie sind mutiger geworden und nehmen jeden Tag als ein kostbares Geschenk. Die Perspektive auf das eigene Leben ist eine andere geworden.

Mir scheint, dass die Konfrontation mit dem Sterben dazu führt, dass sich die Problemlage verschiebt. Die eigentliche Katastrophe ist nicht der Tod, sondern ein unerfülltes Leben. Dass man wie im Halbschlaf Dinge tut, von denen man glaubt, man müsste sie tun. Dass das Leben zu Ende geht, und man sich viel zu sehr mit den täglichen Dramen aufgehalten hat: Befindlichkeiten, auf die zu viel Rücksicht genommen wird; Anstandsregeln, die eingehalten und Karrieren, die gestaltet werden wollen. Aber macht das am Ende des Tages und vor allem am Ende des Lebens satt und zufrieden?

Ich meine daher: Der Tod ist besser als sein Ruf. Wer im Blick auf den Tod lebt, erfährt mehr Klarheit, tieferes Leben, mehr Dankbarkeit und inneren Frieden. Die Kirche kennt dafür einen geistlichen Übungsweg, der ein wenig aus der Mode gekommen ist: Memento moriendum esse, oder die wohl bekanntere Kurzform Memento Mori – Bedenke, dass du sterben musst.

Es geht darum, eine Wahrheit wieder in den Blick zu bekommen: Das Leben ist und bleibt begrenzt. Das soll Sie nicht in ein emotionales Tief ziehen oder depressiv werden lassen. Ganz im Gegenteil. Das Ziel ist, das Leben in seiner ganzen Tiefe zu begreifen, klare Prioritäten zu gewinnen und die Zeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Die Endlichkeit des Lebens ist kein Grund zu verzweifeln, sondern eine Herausforderung, seine eigenen Denkgewohnheiten zu überprüfen.

Denn wenn wir anerkennen und uns vor Augen führen, dass wir sterben werden, dann beginnt unser Inneres nach tieferen Antworten zu suchen, nach mehr als dem Vordergründigen, nach bleibenden Dingen. Angesichts der Endlichkeit und des Todes wollen wir wissen, was trägt, was Halt gibt, worauf wir uns verlassen können – und vor allem: was bleibt. Auf diese Weise zwingt uns die Erkenntnis unseres Todes, Fragen zu stellen, die tiefer gehen.

In den letzten Stunden seines Lebens wird man eben nicht sagen: „Leg mir mein sauer verdientes Geld einfach auf die Brust. Ich möchte es an meinem Herzen tragen, wenn ich gehe.“ Niemand wird sich wünschen: „Mach meine Luxuskarosse blitzblank und stell sie mir dann hin, damit ich sie bei meinem letzten Atemzug sehen kann.“

Es wird dann wohl eher so sein, wie im Buch von Bronnie Ware. Es lautet: „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen”. Die Autorin begleitete Sterbende jahrelang als Palliativpflegerin. Ware stellte fest, dass Menschen zufrieden gehen konnten, wenn sie ihre Lebenszeit nicht an den Beruf verschwendet hatten, ausreichend Mut fanden, ihre Gefühle auszudrücken, den Kontakt zu Freunden hielten und sich erlaubten, glücklich zu sein.

Nur wer dem Tod ins Auge sieht, kann die Angst vor ihm verlieren. Wenn man weiß, dass der Tod jederzeit eine reale Option des Lebens ist, wird es möglich, die unzähligen Möglichkeiten des Lebens auszukosten. Das Leben wird leichter. Die unzähligen banalen Dramen des Alltags werden kleiner. Außerdem birgt die mangelnde Bereitschaft, sich rechtzeitig mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, Risiken. Früher oder später wird jeder von uns garantiert mit der eigenen Sterblichkeit oder der seiner Lieben konfrontiert. Spätestens dann kann es zu einer spirituellen und bedrohlichen Krise kommen. Die existenziellen Fragen stellen sich in solchen Situationen in voller Schärfe und treffen die Menschen gänzlich unvorbereitet: „Wer bist du? Wo kommst du her? Warum bist du hier? Wo gehst du hin?“ In Krisensituationen ist es deutlich komplizierter, Antworten zu finden, als in ruhigen Momenten.

Der italienische Mediziner Gian Domenico Borasio schrieb ein Buch mit dem Titel „Über das Sterben“. Darin hält er fest, dass der Tod von vielen Menschen als narzisstische Kränkung empfunden wird. Der moderne Mensch ist schlichtweg beleidigt, dass er sterben muss! Doch bleibt zurückzufragen, ob ein Leben, das niemals endet, unter den Bedingungen unserer Welt überhaupt wünschenswert wäre? Irgendwann würde auch der sorgenfreieste und mit maximalen Genüssen angefüllte Lebenswandel langweilig werden. Ein Leben ohne Tod würde irgendwann alles bedeutungslos machen. Keine Entscheidung hätte Gewicht; denn zu jeder Zeit könnte sie revidiert und abgeändert werden. Bedenken Sie, es gäbe keine einzigartigen Momente, weil alles endlos zu wiederholen wäre. Die Zeit, die Begebenheiten, die Beziehungen – all das würde seinen Wert verlieren.

In dieser Hinsicht ist der Tod richtig betrachtet ein hilfreicher, freundlicher Mahner, die wichtigen Dinge des Lebens, für die sich unser Einsatz und Engagement lohnen, nicht auf die lange Bank zu schieben.

Um zu einer solchen Haltung für das Leben zu kommen, ist es wichtig, das Sterben in kleinen Schritten einzuüben. Wie geht das? Für mich gibt es dafür zwei entscheidende Werkzeuge: Stille und Einsamkeit. Der geistliche Schriftsteller Dallas Willard nennt diese beiden Übungen die radikalsten im Leben eines Christen. Oftmals scheint es viel einfacher, sich beschäftigt zu halten, als sich zu erlauben, zur Ruhe zu kommen. Stille ist bedrohlich. Sie ist ein kleines bisschen wie Sterben. Denn in dem Moment, wenn der ständige Strom von Geräuschen und Ablenkung abreißt, merken wir erst, wie unruhig und zerrissen wir manchmal innerlich sind. In diesem Augenblick drängen sich all die Stimmen hervor, die wir erfolgreich so lange unter der Oberfläche gehalten haben. Und: Auch Gottes Stimme hat dann eine Chance, von uns wahrgenommen zu werden.

Eine Perspektive, die den Umgang mit dem Tod erträglicher und hoffnungsvoller macht, kommt für mich als Christ aus dem Glauben. Jesus Christus ist am Kreuz gestorben. In Jesus hält uns Gott die eigene Sterblichkeit vor Augen und als Christ gibt es keine Möglichkeit ihr auszuweichen. Gott selbst nimmt den Tod auf sich, um den Menschen eine Zukunft und ein Leben mit ewiger Qualität zu ermöglichen. Denn das Kreuz wird überwunden durch das leere Grab, durch die Auferstehung Jesu. Gott zeigt der Menschheit, dass es eine Lösung für das Problem ihrer Endlichkeit gibt.

Die Botschaft von Kreuz und Auferstehung lautet: So wie Gott seinen Sohn nicht dem Tod überlassen hat, will er auch mich nicht dem Tod überlassen. Aus christlicher Perspektive hat der Tod damit seinen Schrecken verloren. Aus dieser Überzeugung kann Paulus die Worte sagen, die wir heute so oft auf Beerdigungen hören: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo bleibt nun deine Macht? (…) Dank sei Gott! Er schenkt uns den Sieg durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ (1. Korinther 15,55.57).

Den Blick aufs Sterben kann ich nur aushalten, weil ich ihn aus der Perspektive des Überwinders betrachte. Mit diesem Geschehen kann ich den Tod von einer anderen Seite betrachten, weil es Hoffnung gibt. Wenn der Tod einfach nur vernichtet, was ich bin, was ich war, was ich gedacht, erlebt, erlitten und gefühlt habe, dann kann ich dem Gedanken eigentlich nur ausweichen. Deshalb bin ich froh um meinen Glauben und diese Hoffnung.

Aber diese Hoffnung will gepflegt werden. Sie ist nicht auf Knopfdruck abrufbar. Sie geht mir manchmal im Alltag verloren in all den Erfordernissen, To-Do-Listen, zwischenmenschlichen Scharmützeln und Katastrophen. Ich muss dieser Hoffnung immer wieder bewusst Raum geben, damit sie eine Chance hat, Einfluss zu bekommen. Ich muss mir Zeit nehmen, mich mit dem Angebot Gottes beschäftigen, damit seine Versprechen meine Lebensführung beeinflussen.  

Wie wird man also seine Todesangst los? – Das ist die falsche Frage.
Die richtige Frage für mich lautet: Wofür lebe ich? Was will ich mit meinem Leben unbedingt anfangen? Was würde fehlen, wenn ich es nie täte? Mit diesen Fragen begibt man sich auf die richtige Spur. Ängste gehören dazu. Wie alle Gefühle kommen und gehen sie. Nur wer sie panisch vermeiden will, steckt in der nie enden wollenden Spirale von Angst und Angst vor der Angst. Wenn man es dann noch schafft, nach Gutem zu streben, ohne ihm mit hängender Zunge hinterherzujagen, dann verhindert man, dass der Ausflug auf die Erde vorbei ist, ohne dass man ihn wirklich wahrgenommen hat.

Nicht der Tod bedroht unsere irdische Existenz, sondern die Entscheidung, diese ungenutzt verstreichen zu lassen. 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 03.11.2019 gesendet.


Über den Autor Christian Olding

Pfarrer Christian Olding, geboren 1983, wuchs in Niedersachsen auf. 2011 empfing er die Priesterweihe und ist derzeit in der Pfarrei St. Maria Magdalena am Niederrhein tätig. Mit seinem Projekt v_the experience arbeitet er daran, den Glauben in seiner ganzen Alltagsrelevanz zu vermitteln. Kontakt
christian.olding@gmail.com Internet
www.youtube.com/c/vtheexperience

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