Am Sonntagmorgen, 20.10.2019

von Beate Bäumer, Hamburg

Wie bete ich "richtig"? Beten lernen für Ungeübte

Oft ist es eine Extremsituation, ein Schicksalsschlag, ein Moment großer Angst oder tiefer Traurigkeit, in dem Menschen, die jahrelang nicht an Gott gedacht haben, plötzlich das große Bedürfnis haben, zu beten. Doch was soll man beten, wenn man seit der Kindheit im Grunde nicht mehr gebetet hat?

„Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Äuglein zu. Vater lass die Augen dein, über meinem Bette sein. Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an. Deine Gnad und Jesu Blut, machen allen Schaden gut.“

Es sind Gebete wie diese, die man als Kind aufsagen konnte wie ein Gedicht, die einem plötzlich einfallen und die einem auf einmal nicht mehr geeignet vorkommen für einen Erwachsenen. Nicht selten stagniert bei vielen Menschen das religiöse Leben seit der Kindheit. Häufig wollen sie aber irgendwann neu beten lernen. Ähnlich geht es Menschen, die nie beten gelernt haben, die sich aber eines Tages viele Fragen stellen und die vielleicht beobachten, dass das Gebet anderen hilft oder die feststellen, dass sie auf der Suche sind und die Vermutung haben, dass ein geistlicher Weg, das Gebet der richtige Weg sein könnte. Nur, wie bete ich, wenn ich zum Beispiel 50 Jahre alt bin, es aber nicht kann? Einer, der es wissen muss, ist Bruder Johannes. Er lebt in Nütschau, einem kleinen Ort zwischen Hamburg und Lübeck, im nördlichsten Benediktinerkloster Deutschlands. Er ist Pater und Prior der Gemeinschaft, wird aber am liebsten wie seine Mitbrüder als Bruder Johannes angesprochen. Seine erste Empfehlung ist der Weg in die Stille.

„Das kann man zu Hause machen, da nehme ich mir einfach vielleicht eine Gebetsecke oder so, einrichte. Wo ich weiß, das ist jetzt mein Platz, wo ich beten lernen will oder wo ich bete. Das ist auch eine Hilfe, die äußere Situation, das Gebäude, der Raum oder ein Symbol, eine Kerze, die brennt oder so, bewirken schon etwas in mir. Also das Äußere bestimmt auch das Innere. Gestern war ich z.B. in Köln in Groß St. Martin, weil ich Zeit hatte, um auf den Zug zu warten. Da bin ich in diese große Kirche hineingegangen und empfinde sofort so etwas wie eine Sehnsucht oder wie die Bereitschaft zum Beten. Und das macht das Gebäude, diese Weite, dieses Licht, das so schön hineinscheint und auch diese alten Gemäuer, das kann aber auch in einem schlichten Meditationsraum der Fall sein oder in einer modernen Kirche oder in einem Raum, wo ich meine Kerze anzünde oder meine Ikone stehen habe oder aufs Kreuz schaue, und die Augen schließe vielleicht auch und dann die innere Bereitschaft bekomme, in den Kontakt mit Gott zu treten.“

An diesem selbst gewählten Ort, in der Stille, können die ersten Gebetsschritte gegangen werden. Hilfreich am Anfang kann der Text eines bekannten Gebetes sein – wie zum Beispiel das Vater Unser. Indem man es langsam liest oder spricht, kann man sich über einzelne Aussagen Gedanken machen. Hilfreich kann auch eine so genannte Schriftbetrachtung sein. Dazu wählt der Betende zum Beispiel eine Geschichte aus der Bibel aus, liest diese langsam durch, stellt sich vielleicht vor dem inneren Auge die Szenerie vor und überlegt, ob und wenn ja welche Beziehungen es zum eigenen Leben gibt. Häufig sind es einzelne Worte oder Situationen, die einen spontan ansprechen und einfach hängen bleiben. Am Ende kann dann schon ein kurzes eigenes Gebet stehen. Bruder Johannes erklärt wie so eine Schriftbetrachtung gelingen kann.

„Darüber nachzudenken, was bedeutet denn diese Bibelstelle für mein Leben? Beispielsweise: Jesus geht über dem Wasser und Petrus und die Jünger sitzen im Boot und sie haben Angst. Als sie dann erkennen, dass es Jesus ist, da sagt Petrus, ‚Befiehl, dass ich zu dir auf dem Wasser kommen darf‘. Und Jesus sagt, ‚ja komm‘. Und in dem Moment kommt Petrus und geht auch erste Schritte auf dem Wasser. Dann sieht er aber diese ganzen Wellen und den Wind und hat dann Angst und guckt zur Seite, nicht mehr auf Jesus und geht dann unter und dann schreit er noch ‚Herr rette mich‘ und dann wird er auch wieder gerettet. Und das kann ich auf mein Leben beziehen und sagen ‚ja, was heißt diese Bibelstelle für mich?‘ Dieser Blick auf Jesus, der gibt mir Kraft, auch über Abgründe meines Lebens hinwegzugehen, durch Angst hindurchzugehen, auch über etwas zu gehen, worüber ich mich sonst nicht trauen würde zu gehen, alleine. Das könnte ich aus dieser Bibelstelle jetzt für mich herauslesen, wenn es dann so aktuell auch meine Bibelstelle ist und mich so anspricht. Darüber könnte ich dann auch – nachdem ich darüber nachgedacht habe – ins Gebet kommen, z.B. ‚Herr Jesus, hilf mir, über meine Schwierigkeiten hinwegzugehen‘ oder ‚Bei dir finde ich Halt‘, so, dass ich da einen Satz draus formuliere und damit ein persönliches Gebet plötzlich habe, was in meine Lebenssituation hineinpasst.“

Sehr hilfreich beim Beten lernen kann auch eine gewisse Körperhaltung sein, denn es macht schon einen Unterschied, ob ich im Bett liegend vor mich hinmurmele oder eine Gebetshaltung einnehme. Wenn ich mich zum Beispiel hinknie zum Gebet, dann mache ich mich klein und drücke auch etwas Demut aus. Breit ich die Arme aus, öffne ich mich und mein Inneres. Geht es um ein schnelles Stoß- oder Dankgebet, dann kann ich – wo auch immer – rasch die Hände falten zum Gebet. Bruder Johannes findet die richtige Körper- oder auch Gebetshaltung wichtig und motiviert Menschen, die beten lernen wollen, zum Ausprobieren.

„Etwas mit dem Körper auszudrücken, sich mal in eine Gebetshaltung hineinzubegeben, z.B. in das Knien, das macht schon auch was mit mir. Das ist auch wieder etwas Äußerliches, was aber innerlich wirkt. Also, wenn ich mich hinknie, dann bewirkt das etwas in mir. Oder wenn ich mich hinstelle, z.B. mit ausgebreiteten Händen, in der Natur oder mit dem Blick zum Himmel oder wo auch immer hin, vielleicht auch zum Kreuz in einer Kirche, und ich mich nur hinhalte, das kann schon so der Auslöser sein für Gefühle, die entstehen und auch für Worte, die dann kommen, in dieser Geste.“

Das regelmäßige Gebet und die Feier der Heiligen Messe bestimmen den Tagesablauf der Benediktiner in Nütschau. Daneben sind sie in erster Linie Gastgeber. Gut 23.000 Übernachtungen zählt die Gemeinschaft pro Jahr. Darunter sind Jugendgruppen, Familien, Pfarrgemeinderäte und viele Einzelgäste. Die meisten lassen sich einladen zu den Gebetszeiten und wer es nicht schon kann, der lernt im Kloster Nütschau das Beten schlicht durch „learning by doing“ oder „learning by watching“.

„Ich glaube, es ist auch wichtig, jemanden, der beten lernen will, darauf hinzuweisen, dass es gut ist, eine Gemeinschaft zu suchen, um in Gemeinschaft zu beten. Vielen ist es eine Hilfe, einfach hier in der Kirche zu sitzen, während wir Mönche beten und singen und sie hören einfach nur zu oder lassen sich so ein bisschen umfangen von dieser Atmosphäre und den Klängen, dem Rhythmus des Gebets und des Gesangs und für viele ist das schon ein erster Schritt, um selber wieder beten zu lernen. Das Anschauen von betenden Menschen, das Zuhören, das Erleben von Gebet also.“

Betenden zusehen und sich so langsam herantasten an das Gebet und an eine Gemeinschaft, das erleben viele Jugendliche in Taizé, dem kleinen Ort in Burgund in Frankreich. Die einfachen Gesänge und die vielen Wiederholungen helfen dabei, erste Gebetsschritte zu gehen oder in eine Atmosphäre zu gelangen, die das Beten erleichtert. Und: Mittlerweile sind die Gesänge auch in Deutschland sehr bekannt, so dass viele wenigstens schon einmal eine Melodie aus Taizé gehört haben. Das macht es Ungeübten leichter, in den Gesang einzustimmen und so in ein Gebet, eine Meditation zu kommen. Das meint auch Heiner Arden. Er ist katholischer Kirchenmusiker in Lübeck:

„Laudate omnes gentes, laudate dominum“, z.B., würde ich denken, dass viele mit einstimmen könnten und sogar noch die anderen Stimmen wissen oder: „Bleibet hier und wachet mit mir“, gibt es auch im Bereich von Gründonnerstag / Karfreitag als einen Taizé-Ruf. Das sind Gesänge, die sind auch evangelischer- und katholischerseits überall bekannt, weil sie über die Communauté in Taizé weltweit gestreut sind, dass ich denke, das wäre ein Gesang, den könnte man sofort anstimmen.  

Als Kirchenmusiker hat Heiner Arden natürlich ständig mit Gott und dem Glauben, mit Gebeten und Musik zu tun. Und auch wenn nicht jedes Orgelstück ein vertontes Gebet ist, so gibt es für Heiner Arden doch ein Gebet, das in vertonter Form sehr viele kennen – und an das jeder täglich erinnert wird, wenn er denn weiß, wo er genau hinhören muss. Gemeint ist das Ave Maria.

„Das ist für mich tatsächlich ein gesungenes Gebet. Das heißt, auch wenn man das mit dem Chor singt, muss man das in dieser Gebetsstimmung irgendwie reinbekommen. Und ich selbst merke das dann nur eben, dass ich das eben in dieser Regelmäßigkeit nicht unbedingt kann, gleichzeitig ist es aber so, dass das „Ave Maria“ im Tagesverlauf eigentlich an drei Stellen seinen Platz finden kann, nämlich, wenn man guckt, wenn man mal so in der Stadt lauscht, morgens so gegen 8 Uhr meistens, Mittags um 12 und um 18 Uhr, läuten katholische Kirchen eigentlich auf jeden Fall, dass da eine Glocke läutet, die Angelus-Glocke, und die fordert einen auf, ein Gebet jetzt zu sprechen. „Der Engel des Herrn“ heißt das als Gebet, den wiederum als Musik habe ich in Erinnerung ursprünglich für Männerchor, später auch für gemischten Chor eingerichtet, die ich eben dann im Kammerchor bei mir gemacht habe, eine Vertonung von einem Franz Biebl, Anfang des 20. Jahrhundert geborener Komponist, der das in eine Motette brachte. Das knüpft noch an der Gregorianik an, weil das immer diese Gebetsaufforderung „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft…“ auf Latein, erstmal einstimmig bringt. Also wie so eine Choralschola startet das und dann mehrstimmig dahinter das „Ave Maria“ und das ist in dieser Vertonung so schlicht, gleichzeitig aber zweichörig eingerichtet, dass es einen doch sehr bewegt.“ 

Beten zu lernen dauert. Manchem kann es da helfen, ein Gebetsanliegen einfach anderen zu geben, für die das Beten zum Alltag gehört. Das muss einem nicht peinlich sein und man sollte sich ruhig trauen, zu fragen. Bruder Johannes aus dem Kloster Nütschau mag diese Bitten, für jemanden oder für ein ganz konkretes Anliegen zu beten.

„Darin höre ich dann ein ganz großes Vertrauen und ein ganz großes Potential, selber zu beten. Aber das ist ein ganz schöner Auftrag für uns, wenn das Menschen sagen. Das allein ist schon ein Gebet, wenn dies ausgesprochen wird, finde ich. Es ist etwas Schönes, für jemand anderen beten zu dürfen.“

Und wer gleich mit dem beten beginnen will, der kann zum Beispiel als Christ beim Einatmen „Jesus“ sagen und beim Ausatmen „Christus“. Oder man beginnt mit dem Wort „Danke“. Einfach Danke sagen am Ende des Tages oder mittendrin für schöne Begegnungen, für gute Einfälle oder nette Mitmenschen. „Danke“ und der Einstieg ins Gebet hat geklappt.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 20.10.2019 gesendet.


Über die Autorin Beate Bäumer

Beate Bäumer, geboren 1972, ist Leiterin des Katholischen Büros Schleswig-Holstein, der Ständigen Vertretung des Erzbischofs am Sitz der Landesregierung in Kiel. Zuvor hat sie im Rundfunkbereich gearbeitet, Rechtswissenschaften in Potsdam, Durham/Großbritannien und Passau studiert sowie ein Redaktionsvolontariat gemacht.

Kontakt
b-baeumer@gmx.de

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