Am Sonntagmorgen, 22.09.2019

von Prof. Dr. Sabine Pemsel-Maier, Freiburg

Geschenkte Zeit - Erfüllte Zeit - Ewigkeit: Biblisch-theologische Perspektiven

Wenn der Herbst beginnt, wenn wir die Uhr von der Sommer- zur Normalzeit zurückstellen und die Tage spürbar kürzer werden, dann wird vielen bewusst, wie die Zeit verfließt und verfliegt. Aber nicht nur dann können wir spüren, dass die Zeit eine Größe ist, die eine Eigendynamik entfaltet, über die Menschen nicht einfach verfügen können. Manchmal fühlen wir uns als Herren und Herrinnen unserer Zeit, dann wieder ihr ausgeliefert – wir sprechen ja auch davon, dass der „Zahn der Zeit an uns nagt“.

Die Bibel bedenkt und reflektiert Zeit nicht an und für sich, sondern in der Beziehung zu Gott. Dabei entfaltet sie kein stringentes, einheitliches Zeitverständnis oder gar eine systematische theologische „Lehre“ von der Zeit. Vielmehr spiegeln die Texte des Alten und Neuen Testaments unterschiedliche Facetten eines theologischen Zeitverständnisses wider.

Für die Bibel ist Zeit erfahrbar als geschichtliche Zeit. Darin unterscheidet sich das Zeitverständnis Israels vom kosmischen Zeitbegriff seiner Nachbarvölker. Für sie war nicht das geschichtliche Fortschreiten der Zeit entscheidend, sondern die ständige Wiederkehr des Gleichen im Rhythmus des Kosmos. Alles was geschah, wiederholte sich von Jahr zu Jahr neu. Von diesem zyklischen Zeitverständnis unterscheidet sich das lineare, das nach vorwärtsgerichtet ist, dass nicht die ewige Wiederkehr das Gleichen erwartet. Das lineare Zeitverständnis Israels erwartet das Neue. Das hängt wesentlich mit der Gotteserfahrung zusammen: Denn die Bibel erfährt Gott als einen, der sich in der Geschichte und in konkreten geschichtlichen Ereignissen offenbart, beginnend mit dem Auszug aus Ägypten bis zur Offenbarung in Jesus von Nazareth. Geschichte als das, was geschieht, ist nur zu einem Teil planbar. Geschichte ist zugleich auch immer das Unerwartete, Nicht-Planbare, Überraschende, das auf die Menschen zukommt. In geschichtlichen Ereignissen zeigt Gott, wer und wie er ist – nichts anderes ist gemeint, wenn im christlichen Bereich von der Offenbarung die Rede ist.

Die Offenbarung erreicht ihren Höhepunkt und zugleich ihren Abschluss mit Jesus Christus. Das schlägt sich auch in unserer Zeitrechnung nieder. Dass wir heute das Jahr 2019 nach Christus schreiben, ist alles andere als selbstverständlich, denn gezählt und berechnet wurde die Zeit schon viel länger. Doch das Auftreten Jesu Christi wurde als ein derart einschneidendes Ereignis empfunden, dass es zum Anlass für eine neue Zeit-Rechnung wurde. Im Jahr 525 beschloss Papst Johannes I. auf Betreiben des Kirchenvolks, fortan eine neue christliche Zeitrechnung einzuführen, die mit Jesu Geburt beginnen sollte. Bis sich diese neue Zeitrechnung durchsetzte, dauerte es allerdings noch einige Jahrhunderte. Erst im Jahr 899 rückte mit der Kaiserkrönung von Karl dem Großen die neue Zählung ins allgemeine Bewusstsein des Volkes. Diese Berechnung enthält bis heute einen dicken Fehler, denn Exiguus terminierte die Geburt Jesu fälschlicherweise auf das Jahr 753 nach der Gründung Roms und setzte in diesem Jahr das neue Jahr „Null“ an. Erst Jahrhunderte später fiel auf, dass nach dieser Rechnung Jesus nach dem Tod von Herodes dem Großen geboren worden wäre, der aus den Quellen sicher für das Jahr 4 vor der Zeitenwende bezeugt ist. Die Evangelien stimmen aber darin überein, dass Jesus noch zu Lebzeiten von Herodes zur Welt kam. Die biblische Forschung geht darum ziemlich einhellig davon aus, dass Jesus von Nazareth aller Wahrscheinlichkeit nach im Zeitraum der Jahre 6 bis 4 vor der Zeitenwende geboren wurde. Aber als dies entdeckt wurde, hatte sich die neue christliche Zeitrechnung mit dem Zusatz „anno domini“ – „im Jahr des Herrn“ längst eingebürgert. Niemand wagte es, die Zeitrechnung nochmal zu korrigieren.

Entscheidend ist, warum überhaupt die Notwendigkeit gesehen wurde, die Zeit neu zu berechnen. Ein Grund ist ein kultureller, nämlich die zentrale Bedeutung des christlichen Glaubens für die Kultur der West- und dann auch der Ostkirche. Das Christentum war mittlerweile längst Staatsreligion und bestimmte alle Bereiche des Lebens. Der zweite Grund ist ein zutiefst theologischer: Es wurde neu berechnet, weil mit Jesus Christus eine neue Zeit begonnen hat, die auch als End-Zeit bezeichnet wird. Mit dem Auftreten Jesu und mit seiner Botschaft vom Anbruch der Gottesherrschaft wird diese Welt und mit ihr auch diese Zeit verändert. Markant formuliert es der Beginn des Markusevangeliums: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“

Im Zentrum von Jesu Leben und Handeln steht die Herrschaft Gottes oder das Reich Gottes. Das war seine grundlegende Form der Gotteserfahrung: Gott möchte unter den Menschen sein Reich aufrichten und “herrschen” - nicht in der Weise der Unterdrückung und Unterjochung, sondern auf eine Art und Weise, die befreit und Leben ermöglicht. Denn die Herrschaft Gottes ist von menschlicher Herrschaft grundlegend verschieden. Jesus erhoffte das Reich Gottes nicht irgendwann in weiter Ferne. Er war überzeugt, dass die Gottesherrschaft jetzt und hier angebrochen ist: “Das Reich Gottes ist nahe!” Die Kunde von der Gottesherrschaft – das ist für Jesus schlichtweg frohe Botschaft. Nichts anderes heißt übersetzt das Wort “Evangelium”.

Gottesherrschaft - das bedeutete für Jesus Glück, gelingendes Leben, Erfüllung, Zu-Sich-Selbst-Finden. Das, was die Theologie mit dem Wort “Heil” umschreibt, das wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt so viel wie „Ganz-Werden“ bedeutet.

Wir wissen nicht, auf welchem Weg Jesus zu dieser Überzeugung kam, was er genau erfahren und was er dabei gefühlt hat. Vielleicht könnte man es umschreiben mit dem Satz: „Er war erfüllt von der Erfahrung, dass Gott dieser Welt und den Menschen nicht fern ist, sondern dass er in ihr und an ihnen wirken möchte – und auch tatsächlich wirkt“. Und weil er sich dessen absolut gewiss war, richtete er sein ganzes Leben danach aus und machte das Reich Gottes zu seiner Sache. Eben darum ist mit ihm die Gottesherrschaft angebrochen und die Zeit „erfüllt“.

Blicken wir von der Zeit Jesu, die eine neue Zeitrechnung begründete, zur individuellen Lebenszeit. Nach biblischer Überzeugung ist die Lebenszeit eines jeden Menschen geschenkte und verdankte Zeit. “Meine Zeit steht in deinen Händen”. So betet der Psalmbeter im Psalm 31 nach der Übersetzung von Martin Luther. Gott vertraut den Menschen die Zeit an, damit sie etwas daraus machen. Die Zeit ist in die Verantwortung der Menschen gestellt. Das heißt aber auch: Zeit ist nicht nur Geschenk, sondern auch Auftrag. Menschen sollen sie erfüllen und nutzen, und zwar nicht einfach irgendwie und effizient, sondern in Gottes Sinne. Zeit ist im biblischen Sinn darum gefüllte, erfüllte, nämlich mit Leben erfüllte Zeit. Zugespitzt kann man sagen: Wer Zeit immer nur vergeudet oder totschlägt, der vergeudet und beschädigt letztlich ein Stück Schöpfung. Ja, der versündigt sich geradezu an der Schöpfung. Das heißt freilich nicht, dass Menschen, die ihre Zeit im Licht Gottes verstehen und gestalten, ständig rastlos sein müssen. Erst recht heißt dies nicht, dass sie ständig etwas tun oder leisten müssen, um Zeit auszufüllen.

Im Gegenteil: Ein wesentliches Element des biblischen Zeitverständnisses ist die Ruhe und das Ausruhen. Das Alte Testament feiert diese Ruhe im Schabbat. Das Christentum hat an die Stelle des Schabbats den Sonntag gesetzt, den Tag der Auferweckung Jesu Christi von den Toten. Am Schabbat wie am Sonntag sollen die Menschen nicht Sklaven ihrer Arbeit sein, sollen nichts leisten müssen, sondern Zeit haben: für sich selbst, für andere, für Gott.

Als geschenkte Lebenszeit ist die Zeit des Menschen begrenzt. Im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis, heißt es geradezu lapidar über den Menschen: „Staub bist du. Und zum Staub musst du zurückkehren.“ Mit dieser Begrenzung und dem Sein zum Tod hadern viele. Doch der Mensch ist eben nicht nur Geist, sondern zugleich vergängliche Materie. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“ So spricht in eindrücklichen Bildern der Psalm 126 von der Endlichkeit menschlichen Lebens. Johannes Brahms hat ihn in seinem deutschen Requiem meisterhaft vertont. Endlichkeit und Vergänglichkeit zu akzeptieren, besonders die eigene, das fällt Menschen von heute schwer, schwerer wohl als in vergangenen Zeiten. Zugleich ist es gerade die Begrenzung der Lebenszeit, die das Leben einzigartig und kostbar macht. Wenn das Leben unendlich lang dauern würde, wäre alles „gleich gültig“ und letztlich beliebig, was wir in diesem Leben tun. Wir könnten dann ja immer wieder uns neu entscheiden und bisherige Entscheidungen und Festlegungen revidieren. Eben das ist in einer zeitlich begrenzten Daseinsspanne nicht möglich. Was Menschen in ihrem Leben tun, wie sie handeln, wozu sie sich entscheiden, hat Gewicht, unauslöschliches Gewicht.

Am Ende des zeitlichen Lebens steht nach christlicher Verheißung nicht das Nichts, sondern die Ewigkeit. „Ewigkeit“ ist im Alten Testament eines der zentralen Attribute Gottes: Gott ist der Ewige schlechthin. Ewigkeit bezeichnet dabei nicht wie in der Alltagssprache eine sehr lange Zeitlinie, sondern das Freisein von aller zeitlichen Begrenztheit, die Überlegenheit über die Zeit. In diesem Sinne ist das Adjektiv „ewig“ ein Kontrastbegriff zur geschaffenen, durch Anfang und Ende begrenzten Welt, und zum zeitlich begrenzten Menschsein. Ewigkeit meint aber noch mehr, nämlich Gottes Überlegenheit über alle Begrenztheit. In diesem Sinne ist es keine quantitative, sondern eine qualitative Kategorie. Die Ewigkeit Gottes als Nicht-Zeit ist Lebensfülle, die durch keine zeitliche und keine qualitative Begrenzung beeinträchtigt wird.

An der Ewigkeit Gottes, so lautet die christliche Verheißung, haben Menschen Anteil, wenn sie nach dem Tod in die Wirklichkeit Gottes eingehen. Ewiges Leben ist grenzenlos, insofern es kein Ende hat und keine Angst vor Verlust kennt. Es ist auch grenzenlos, insofern es „ganzes“ Leben ist, heiles und geheiltes, gelingendes, geglücktes, versöhntes, erfülltes und vollendetes Leben. Es ist grenzenlos, insofern es nicht im Untergang der eigenen Individualität besteht, sondern umgekehrt in deren Erfüllung, im Finden der eigenen Identität, im Zu-sich-selber-Kommen und im Entdecken immer neuer eigener Möglichkeiten.

Nicht nur das individuelle Leben ist von Gott her begrenzt, sondern auch die Zeit dieser Welt hat nach christlicher Überzeugung irgendwann ein Ende. Die Theologie kann keine naturwissenschaftlichen Aussagen darüber treffen, wie diese Welt enden wird. Zwar berührt sie sich mit der Annahme fast aller Kosmologien, dass diese Welt ein zeitliches Ende haben wird. Doch wenn die biblischen Texte vom Ende sprechen, bieten sie keine naturwissenschaftliche Prognose der Endereignisse. Entscheidend ist für das Neue wie auch schon für das Alte Testament die Erwartung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ und damit einer Neuschöpfung. Die Erwartung nicht nur einer anderen Welt, sondern auch einer anderen Zeit.

Die Theologie spricht darum auch nicht einfach nur vom Ende dieser Zeit, sondern von der “Vollendung”. Vollendung ist eine theologische Kategorie, die über die Zukunft des Individuums hinaus­reicht und die ganze Welt umfasst. Die Hoffnung auf Vollendung ist verbunden mit der Hoffnung, dass am Ende der Zeit Gott den Menschen und der Welt das Heil schenken wird, dass Gott „alles in allem sein wird. Dann ist die End-Zeit, in der wir seit Jesus Christus leben, zu Ende; dann ist die Zeit endgültig erfüllt und die Ewigkeit beginnt.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 22.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Sabine Pemsel-Maier

Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie studierte katholischen Theologie, Philosophie, Pädagogik und Germanistik; Promotion in ökumenischer Theologie. Außerdem übte Sie verschiedenste Tätigkeiten in Schuldienst, Lehrerausbildung, Erwachsenenbildung und Wissenschaft aus. Ihre Schwerpunkte sind: Ökumenische Theologie, Genderfragen, Religionspädagogik, Themen im Schnittfeld von systematischer und religionspädagogischer Theologie.

Kontakt
pemsel-maier@ph-freiburg.de

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