Am Sonntagmorgen, 06.10.2019

von Dr. Corinna Mühlstedt, Freising

Die Trappisten von Tibhirine. Sieben Selige für den Dialog mit dem Islam

Im Dezember 2018 wurden in Algerien 19 katholische Ordensleute selig gesprochen: Die 6 Frauen und 13 Männer starben in den 1990er Jahren während des Bürgerkriegs in dem überwiegend muslimischen Land durch Attentate. Ihnen allen war bewusst, dass sie sich in Lebensgefahr befanden, dennoch blieben sie vor Ort, um der Not leidenden Bevölkerung beizustehen. Zu diesen Märtyrern gehörte der französische Trappist Chris-tian de Chergé. Er hinterließ ein Testament, in dem es heißt:

„Wenn es eines Tages geschehen sollte - und das könnte heute sein - dass ich ein Opfer des Terrorismus werde, mögen sich alle daran erinnern, dass mein Leben Gott und diesem Land, Algerien, geschenkt war… Sie mögen meinen Tod im Zusammenhang mit so vielen Toden sehen, die hier ebenso gewalttätig waren wie der meine, die aber in der Gleichgültigkeit dieser Zeit namenlos geblieben sind … Und ich möchte, wenn dieser Augenblick kommt, so viel ruhige Klarheit haben, … dass ich dem aus ganzem Herzen vergeben kann, der mich umbringen wird.“

Nicht nur die 19 Christen wurden Opfer der blutigen Kämpfe, sondern auch Zig-Tausende Muslime. Unter ihnen waren mehr als 100 Imame, die sich geweigert hatten, Gewalt anzuwenden oder zu rechtfertigen. An der Seite des damaligen katholischen Bischofs der algerischen Küstenstadt Oran, Pierre Claverie, starb auch dessen muslimischer Fahrer Mohammed Bouchiki. Der junge Muslim war 21 Jahre alt. Auch er wusste um die Gefahr, in der er schwebte, war aber entschlossen, seinen väterlichen Freund Pierre Claverie nicht im Stich zu lassen. Der algerische Dozent Adnan Mokrani meint:

„Die Märtyrer, die damals gemeinsam starben - als Muslime und Christen - haben durch ihr Blut untereinander eine gewisse Einheit geschaffen. Ich hoffe, dass dieses Blut künftig zu einem Licht des Friedens wird - für Algerien und weit darüber hinaus.“

Bei der Seligsprechung, die 2018 in Oran stattfand, zeigten sich jedenfalls die Angehörigen beider Religionen vereint. Als ein großes Tuch mit den Namen der 19 neuen Seligen aufgerollt wurde, tauschten Muslime und Christen den Friedensgruß aus und um-armten einander. All dies habe tiefe Bedeutung für den muslimisch-christlichen Dialog, versichert der ehemalige katholische Bischof von Algier, Henri Tessier:

„Die katholische Kirche erkennt damit erstmals Martyrien von Christen an, die nicht nur aus Treue zu ihrem Glauben gestorben sind, sondern auch aus Freundschaft zu Andersgläubigen. Das Leben dieser 19 Märtyrer ist eine Botschaft, die sagt: Ein wahrer Christ teilt Gottes Liebe mit allen Menschen, auch mit jenen, die eine andere religiöse Tradition haben. Und er geht dabei - wie Papst Franziskus sagt – ‚bis zum Äußersten‘.“

Die wohl berühmtesten unter den 19 Märtyrern sind sieben französische Trappisten aus dem algerischen Gebirgsort Tibhirine. Der preisgekrönte Spielfilm  „Von Menschen und Göttern“ - „Des Hommes et des Dieux“ - machte 2010 das Schicksal dieser Ordensleute international bekannt. Er schildert eindrucksvoll, wie die Klostergemeinschaft trotz vieler Warnungen an der Seite der Dorfbevölkerung ausharrte. 1996 wurden sieben der Mönche entführt und ermordet. Unter ihnen war Prior Christian de Chergé.

Der Theologe kannte und liebte Algerien seit seiner Kindheit. Er absolvierte in der französischen Kolonie 1960 auch seinen Militärdienst. Das nordafrikanische Land kämpfte damals um seine Unabhängigkeit. Christian erkannte das Unrecht der Besatzung und suchte in seiner Freizeit den Kontakt zur Bevölkerung. Dabei begegnete er tief gläubigen Muslimen wie dem einfachen Soldaten und Familienvater Mohammed, und schrieb in sein Tagebuch:

„Mohammed half mir in dieser schwierigen Zeit durch seine solide Spiritualität, meinen eigenen Glauben zu vertiefen. Zwischen uns wuchs eine aufrichtige Freundschaft mit ernsthaften Gesprächen, in deren Mittelpunkt die Frage nach dem Willen Gottes stand.“

Als der Franzose eines Tages von algerischen Aufständischen bedroht wurde, rettete Mohammed seinem jungen Freund entschlossen das Leben - und wurde aus Rache kurz darauf selbst von Rebellen ermordet. Das Erlebnis prägte Christian:

„Das Blut meines Freundes Mohammed, der nicht mit dem Hass paktieren wollte und dafür getötet wurde, ließ mich erkennen, dass meine eigene, christliche Berufung in jenem Land gelebt werden sollte, in dem ich diese selbstlose Liebe erfahren hatte.“

1962 wurde Algerien unabhängig. 9 Jahre später kehrte Christian als Trappist in das Land zurück und hoffte:

„Nie wieder Krieg! Ich habe ihn erlebt, und ich gestehe:
Ich habe ihn vor allem erlitten, - er ist das Grauen…
Der eine Mann ist mein Bruder, der andere mein Freund,
doch das Gesetz will, dass wir einander töten.
Aus Angst ist offenbar alles erlaubt…  Nein, nie wieder!“

Mit dieser Einstellung schloss sich Christian dem Kloster „Notre-Dame de l´Atlas“, am Rand des Atlas-Gebirges an, in dem seit 1938 französische Trappisten lebten. In der Gemeinschaft, deren Prior er später wurde, lernte Christian erfahrene Mönche kennen, die den Austausch mit dem Islam suchten. Zu ihnen gehört der Luxemburger Jean Pierre Schumacher:

„Das Zweite Vatikanische Konzil hatte damals gerade in Rom das Dokument ‚Nostra Aetate‘ fertiggestellt. Es sah erstmals eine Öffnung der katholischen Kirche gegenüber den nichtchristlichen Religionen vor. Wir waren fasziniert von der Idee, unsere Beziehung zu den Muslimen zu vertiefen!“

Ermutigt durch die Konzilsbeschlüsse, wagten die Trappisten, mit den Dorfbewohnern eine kleine landwirtschaftliche Kooperative aufzubauen, die allen ein bescheidenes Einkommen sicherte. Zugleich, so Jean-Pierre, entdeckten die Trappisten die islamische Mystik:

„1979 begann unser Kontakt zu den algerischen Sufi, muslimischen Mystikern, mit denen wir bald schon eine Vereinigung bildeten: ‚Ribat el Salam‘ – ‚Band des Friedens‘. Wir sprachen mit ihnen zunächst über unsere Beziehung zu Gott und unseren Weg mit Gott. Schließlich wurden gemeinsame Gebetsstunden möglich: Wir zündeten in unserer Mitte eine Kerze an, als Symbol der Gegenwart Gottes unter uns. Jeder betete nun still für sich, eine halbe Stunde lang. Und am Ende haben wir ein Meditations-Wort ausgetauscht, das uns in den kommenden Monaten begleiten und verbinden sollte.“

Niemand habe je versucht, den anderen zu bekehren, versichert Jean-Pierre, ganz im Gegenteil. Man habe immer mehr Vertrauen und Verständnis füreinander entwickelt:

„Ich habe unter den Muslimen wunderschöne, vorbildliche Formen der Nächstenliebe und der Hingabe an Gott kennengelernt. Wir haben unseren Freunden damals oft gesagt: ‚Wir werden durch Euch bessere Christen und ihr durch uns bessere Muslime.‘ Es geht im Dialog der Religionen nicht darum, den anderen vom eigenen Glauben zu überzeugen, sondern mit Hilfe des Geistes gemeinsam zu lernen und für den Frieden in der Welt zu arbeiten.“ 

Während in Tibhirine Frieden und Freundschaft wuchsen, bahnte sich in der Hauptstadt Algier in den 1980er Jahren eine Katastrophe an: Die algerische Armee, die schon 1965 nach einem Putsch die Macht übernommen hatte, regierte zunehmend willkürlich. Die sozialen Spannungen wuchsen und eskalierten schließlich.

Ab 1988 kam es zu heftigen Protesten und Ausschreitungen. Die Regierungsgegner wurden zunehmend radikaler. Terroranschläge erschütterten das Land. In vielen Fällen ist allerdings bis heute nicht geklärt, ob die Attentäter im Auftrag islamistischer Rebellen oder der Armee handelten. Fest steht nur: Der gnadenlose Kampf zwischen beiden Gruppen erfasste schließlich ganz Algerien. 1993 wurden alle Ausländer aufgefordert, das Land zu ihrer eigenen Sicherheit zu verlassen.

Die Gefahr war auch bei den Trappisten in Notre Dame de l´Atlas hautnah zu spüren. Dennoch gelang es den Mönchen, ihr Kloster für einige Jahre zu einem Ort des Friedens zwischen den Fronten zu machen. Der Trappist und Arzt Luc Dochier behandelte in einer kleinen Ambulanz alle Kranken und Verwundeten, gleich auf welcher politischen Seite sie standen. Seine Sorgen vertraute er einem Tagebuch an:

„Die Gewalt nimmt zu. Aber der Glaube verwandelt die Sorge in Vertrauen. Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Am Abend meines Lebens bedaure ich nichts. Das Kloster ist eine vom Sturm umtoste Insel. Wir halten durch. Gott will nicht das Unglück. Er ist unter den Opfern. Wir können als Menschen nur bestehen, wenn wir ein Ebenbild seiner Liebe werden.“

Die Begegnung zwischen Christentum und Islam sei in dieser Zeit für die Mönche zu einer mystischen Erfahrung geworden, meint Jean Pierre, zu einer besonderen Form der Begegnung mit Gott:

Wir waren in Tibhirine zunächst unsicher, wie wir uns verhalten sollen. Aber im Lauf der Zeit sind wir uns darüber klar geworden, dass es Gottes Ruf war, der an uns erging. Das war ein Geschenk, eine Gnade. Ja, wir waren alle überzeugt, dass wir trotz der Gefahr vor Ort bleiben wollten.“

Doch im Frühjahr 1996 wurden nachts plötzlich sieben der Trappisten aus dem Kloster entführt und wenig später ermordet. Bis heute ist nicht bekannt, ob islamistische Rebellen oder Mitarbeiter der Geheimdienste den Tod der Mönche zu verantworten haben. Jean-Pierre und ein weiterer Mitbruder wurden bei dem Überfall von den Angreifern durch Zufall übersehen. Christian de Chergé dagegen war unter den Opfern. In seinem Testament liest man:

„Mein Tod scheint denen recht zu geben, die mich immer für naiv oder zu idealistisch gehalten haben. Ich kenne die Karikaturen des Islams, die ein gewisser islamischer Fundamentalismus hervorgerufen hat. Aber es ist zu leicht, den religiösen Weg des Islams mit dem fundamentalistischen Extremismus gleichsetzen. Algerien und der Islam: für mich ist das etwas anderes, für mich ist das wie Leib und Seele… Und ich werde jetzt - so Gott will - meinen Blick mit dem des Vaters vereinen dürfen, um mit ihm seine Kinder im Islam zu betrachten - und zwar so wie er sie sieht…“

Das Testament Christian de Chergés und seine positive Einstellung zum Islam beeindrucken bis heute viele, so auch den algerischen Dozenten Adnan Mokrani. Der muslimische Theologe arbeitet im interreligiösen Dialog und lehrt seit vielen Jahren an den päpstlichen Universitäten Roms.

„Es sind die Worte eines christlichen Mönchs, der auf seinen Tod vorbereitet ist und weiß, dass er jederzeit sterben könnte. Und in dieser Situation sagt er, er habe nur eine Sorge: Der Terror darf nicht mit dem Islam verwechselt werden! Er will nicht, dass sein Martyrium den muslimisch-christlichen Dialog in Frage stellt. Allein das gibt seinem Testament große Bedeutung.“

Die Trappisten haben nach dem Tod ihrer Mitbrüder auf der anderen Seite des Atlas-Gebirges, in Marokko, ein neues Kloster aufgebaut. Es heißt ebenfalls „Notre Dame de l´Atlas“ und ist ein Ort des Friedens und der Vergebung. Den sieben Märtyrern haben die Mönche eine eigene Kapelle gewidmet, in der auch das Testament von Christian de Chergé liegt. Hier lebt bis heute der inzwischen 95-jährige Jean Pierre Schumacher. Dass er die Seligsprechung seiner ermordeten Mitbrüder 2018 noch persönlich erleben durfte, war für ihn eines der größten Geschenke.

„Ich habe mich oft gefragt: Warum habe ich überlebt? Gott allein weiß es. Vielleicht musste unsere Sache weiter gehen… Für mich sind die Berge hier im Hohen-Atlas-Gebirge wie ein Symbol für den Dialog, den wir praktizieren: Christen und Muslime steigen von anderen Seiten auf einen Berg, jeder mit seinem Glauben. Aber je näher wir dem Gipfel kommen, desto näher kommen wir einander. Und wenn wir den Gipfel erreichen, dann werden wir uns treffen: bei Gott.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 06.10.2019 gesendet.


Über die Autorin Corinna Mühlstedt

Dr. Corinna Mühlstedt ist Theologin, Autorin und ARD-Korrespondentin. Corinna Mühlstedt lebt in Freising und in Rom.

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