26. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche Heiligkreuz, Würzburg


Predigt von Pfarrer Werner Vollmuth

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, 

alle reden von Digitalisierung und jetzt fängt auch noch der Pfarrer damit an. Nun, wir kommen heute nicht recht dran vorbei, schließlich ist heute der Caritas-Sonntag und in diesem Jahr hat die Caritas sich genau dieses Thema gewählt: „Sozial braucht digital“.

Ob sozial wirklich digital braucht, das werden nicht alle in gleicher Weise bejahen. Viele werden mit Recht sagen, sozial braucht vor allem den Menschen und die menschliche Zuwendung. Alles andere muss zweitrangig sein oder gar erst unter „ferner liefen“. Und Caritas heißt ja schließlich Nächstenliebe, und die geht nicht über Geräte, mögen sie auch noch so modern und effektiv sein. Caritas ist Nächstenliebe, und die geht nur von Mensch zu Mensch.

Für viele scheint es in diesem Feld ohnehin schon ein Horrorszenario zu sein, wenn da die Rede davon geht: Roboter könnten zum Einsatz kommen in der Pflege alter und bedürftiger Menschen, weil es überall an Pflegekräften fehlt.

Manche Erleichterung könnte es schon geben, wenn das digitale Zeitalter auch in der Pflege oder überhaupt im Sozialen zum Einsatz kommt, gerade auch in der notwendigen Dokumentation der verschiedenen Tätigkeiten kann es Zeit einsparen. Wenn diese Ersparnis dann den Menschen zugutekommt, dann könnte darin eine echte Chance liegen. Dann könnte vielleicht wirklich etwas dran sein an dem Wort: Sozial braucht digital, damit Zeit erspart wird, die dann wieder vermehrt den Menschen menschliche Nähe einbringt. Zeit für ein Gespräch, Zeit zum Aussprechen von Nöten.

Ob das dabei wirklich einem Mehr an Menschlichkeit im Umgang miteinander dient? Wie schnell kommt dann wieder jemand, der sagt: In der gewonnenen Zeit kann jemand noch zusätzlich einen Menschen pflegen. Dann wäre nichts gewonnen, nur die Hektik wäre vergrößert und der Stress.

Das ist im Grunde vor allem die Befürchtung, die viele haben: Gewonnene Zeit kommt nicht den Menschen zugute, sondern bringt eher ein Mehr an zusätzlichen Aufgaben und damit ein Mehr an Druck.

Andere befürchten die größere Durchsichtigkeit und intensivere Kontrolle aller Tätigkeiten, die letztlich jeden Freiraum im menschlichen Umgang zunichtemacht.

Wenn wir auf diesem Hintergrund das heutige Evangelium hören und betrachten, sehen wir, wie Menschen ganz normal – auch ohne alle digitalen Möglichkeiten - aneinander vorbei leben. Der eine lebt in Saus und Braus, der andere lebt in Armut und Not. Der Reiche könnte vor seiner Tür den Armen erkennen, könnte seine Not lindern. Er tut es nicht. Er lebt vor sich hin, denkt nur an sich selbst. Als beide sterben, tauschen sie gleichsam die Position: Der Arme kommt in Abrahams Schoß, also in den Inbegriff ewiger Glückseligkeit, der Reiche kommt ins ewige Feuer, wo er große Qualen zu erleiden hat. Der Reiche bittet um Hilfe, aber außer dem Blickkontakt gibt es keine Verbindung zwischen der einen und der anderen Seite. Der Reiche entdeckt dann doch noch sein Herz und denkt an seine Brüder daheim. Fast schon erstaunlich, dass er wenigstens ihnen helfen möchte, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qualen kommen. Abraham sagt es deutlich: Sie haben Mose und die Propheten, da haben sie alle Weisungen, die ihnen helfen, ihr Leben zu meistern.  Da finden sie genügend Hinweise, die ihnen Orientierung geben können, ihr Leben zu ordnen, einen Blick für die Mitmenschen zu entwickeln und sich von der Not ihrer Mitmenschen zur Hilfe bewegen zu lassen.

Mose und die Propheten, das ist die Nachricht Gottes, die er den Menschen zukommen lässt, damit sie ihren Weg zum Leben finden können.

Heute, am 29. September, feiern wir normalerweise das Fest der heiligen Erzengel Michael, Gabriel und Raffael. Des Sonntags wegen fällt dieses Fest in diesem Jahr aus.

Trotzdem können wir gerade auch im Blick auf diese Engel erkennen, wie Gott sich den Menschen zuwendet, wie er seine Botschaft und seinen Heilswillen den Menschen nahebringt.

Michael steht für die Größe Gottes. Michael erinnert uns daran, dass es niemanden gibt, der wie Gott ist. Gott ist der Große, der Unfassbare schlechthin, keiner ist ihm vergleichbar. Wir Menschen können uns vor ihm nur unseres Kleinseins bewusst werden und doch zugleich auch unserer eigenen Größe: dass nämlich dieser große, unfassbare Gott nicht von uns lässt, vielmehr sein Interesse an uns bekundet.

In Gabriel und seiner Botschaft an Maria und damit an die Menschheit wird Gottes Heilswille für die Menschen hörbar im besten Sinne des Wortes.

Mit dem Erzengel Raphael zeigt uns Gott, dass er uns begleitet und behütet auf unserem Weg und zugleich Sorge trägt um unser Heil.

Was hat das Evangelium von heute, was die Botschaft der Engel mit dem zu tun, was die Caritas in diesem Jahr als Thema begleitet: Sozial braucht digital?

Ich bin überzeugt, dass wir in dieser Zeit nicht an der Digitalisierung vieler Lebensbezüge vorbei kommen, Aber sowohl das Evangelium von heute als auch die heiligen Erzengel ermahnen uns, eines nicht zu vergessen:

Die wichtigste Botschaft ist: Gott wendet sich den Menschen zu, damit auch wir uns einander menschlich zuwenden. Sein Wort gibt uns die Wegweisung, sein Wort ist uns die Ermutigung, uns ganz auf den Dienst aneinander einzulassen, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen.

Die Hilfsmittel unserer Zeit dürfen wir nutzen, sollen wir nutzen, aber sie dürfen nie zum Selbstzweck werden. Sie sind und bleiben Hilfsmittel, damit wir der Liebe und dem Leben den Raum geben können, den wir Menschen zum Leben brauchen. Und das wünsche und erbitte ich für uns - gerade an diesem Caritas-Sonntag.


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Dieser Beitrag wurde am 29.09.2019 gesendet.





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